Buhnen am Strand der Ostsee.

Die Ostsee und ich: eine Grenzerfahrung

Die Ostsee: Im Vergleich zu anderen Meeren und den Ozeanen für einige vielleicht nur ein kleines, langweiliges und noch dazu selbst im Sommer kaltes Gewässer. Für viele jedoch das schönste und abwechslungsreichste Meer der Welt. Und für mich auch eine Grenzerfahrung.

Ich bin in Stralsund aufgewachsen. Wo der Strelasund die Insel Rügen vom Festland trennt und die Stadt mit der Ostsee verbindet. Als Teil meiner Heimat habe ich der Ostsee dabei nie große Bedeutung beigemessen. Sie gehörte eben einfach dazu. War Sandkasten und Schwimmbad in meiner Kindheit. Wurde zum Abenteuergelände in meiner Jugend. Und zum Sehnsuchtsort, seit ich sie aus beruflichen Gründen verlassen musste.

Absurde Zustände

Die Ostsee war aber auch lange Zeit eine Grenze, von der ich nie verstand, warum ich sie nicht überqueren durfte. Besonders, wenn ich in Saßnitz oder Warnemünde die Fähren nach Schweden und Dänemark auslaufen sah. Vielleicht ist mein heutiges Ostsee-Fernweh auch ein Resultat dieser absurden Zustände damals. Man blickte vom Strand auf die endlose Weite über dem Meer. Bei guter Sicht sah man vom Dornbusch auf Hiddensee die dänische Insel Mön. Aber man wusste doch, dass man unter normalen Umständen nie ans gegenüberliegende Ufer gelangen kann.

Jahrhundertelang verband das Baltische Meer die angrenzenden Länder und Städte miteinander. Machte Hansestädte wie Lübeck und Stralsund reich und mächtig. Ließ florierende Metropolen wie Riga, Gdansk oder Stockholm entstehen. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Ostsee Kriegsschauplatz und nasses Grab für tausende Soldaten und Zivilisten. Dann wurde der Eiserne Vorhang über das kleine Binnenmeer gezogen.

Die Ostsee als Grenze

Er machte die komplette Ostseeküste der DDR zum Grenzgebiet. Auch wenn das im Vergleich zur innerdeutschen Grenze nicht auffiel, weil hier im größten und beliebtesten Urlaubsgebiet des Landes  weder Mauer noch Zaun standen. Hier wurde dezenter überwacht. Jeder Ostseeurlauber wurde an seinem Ferienziel registriert. Nämlich beim Einchecken in sein Quartier. Die Schiffe der Grenzbrigade Küste lauerten am Rande der Dreimeilenzone und waren von Land nicht zu sehen. Nachts patrouillierten Grenzsoldaten am Strand, leuchteten Suchscheinwerfer die Küste ab. Das Betreten der Strände war zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang verboten. Fluchtgefahr! Die paranoide Angst der Staatsführung vor Republikflüchtlingen war allgegenwärtig.

Dennoch versuchten mehrere tausend Menschen über die Ostsee nach Westdeutschland, Dänemark oder Schweden zu gelangen. Schwimmend, auf Luftmatratzen, Surfbrettern, kleinen Booten. Die meisten wurden erwischt, viele kamen bei dem Versuch ums Leben, etwa 900 sollen es geschafft haben.

Mit 15 auf Grenzpatrouillie

Ich hatte diesbezüglich drei Aha-Erlebnisse. Das erste als 15-jähriger Schüler. Als Neuntklässler bin ich wie alle Stralsunder Jungs meines Jahrgangs im Juni für zwei Wochen im sogenannten Wehrlager. Das ist Teil des Wehrkundeunterrichts und natürlich eine Pflichtveranstaltung. Das Ganze findet im Kinderferienlager mit dem schönen Namen Kim Il Sung in Prerow auf dem Darß statt. Neben der üblichen vormilitärischen Ausbildung wie Schießen, Marschieren und Handgranatenwerfen, werden wir nachts mit Grenzern auf Streife geschickt. Unsere Aufgabe ist es, in den Dünen und im angrenzenden Küstenwald nach verdächtigen Gegenständen zu suchen, die potenzielle Republikflüchtlinge dort versteckt haben könnten. Zum Beispiel Luftmatratzen, Faltboote, Paddel.

Ich wusste also, was passieren kann wenn man nachts am Strand erwischt wird. Dennoch kann man sich als Jugendlicher im Sommer nicht dem Reiz der nächtlichen Ostsee entziehen. Sei es zum Schwimmen in der Dunkelheit. Oder um mit der Ferienbekanntschaft zu knutschen. Und es ging ja immer gut. Fast immer…

Begegnung mit der Staatsmacht

Drei Jahre später, Pfingsten 1988, zelte ich mit Kumpels auf der Insel Rügen. Zusammen mit einer großen Gruppe Berliner Punks und Langhaariger sitzen wir am Strand um ein Lagerfeuer, als zwei Grenzposten auf ihrem Rundgang vorbeikommen. Sie fordern uns auf das Feuer zu löschen und den Strand zu verlassen, doch die große Meute lässt sich nichts sagen. Im Gegenteil: Die Soldaten werden mit der Idiotie ihrer Forderung konfrontiert. Wenn man vorhabe, nach Schweden schwimmen zu wollen, würde man ja wohl kein riesiges Feuer machen und sich dabei betrinken, argumentieren wir. Und die Grenzer marschieren wirklich weiter ohne uns noch einmal zu behelligen.

Wenige Wochen später erlebe ich dann eine ganz andere Begegnung mit der Staatsmacht. Ich bin mit zwei Freunden nach Hiddensee gefahren und zwar mit dem Vorsatz, zwei Nächte dort zu campieren. Was nicht erlaubt ist. Ohne Nachweis einer Unterkunft darf man auf dem kleinen Eiland nicht über Nacht bleiben. Unser Plan ist es in Strandkörben zu schlafen. Die erste Nacht geht unser Plan auf. In der zweiten jedoch klopfen zwei Grenzposten an unsere Strandkörbe. Dann folgt die bekannte Belehrung. Grenzgebiet, verboten, blabla. Wir lügen, die letzte Fähre verpasst zu haben und deshalb hier festzusitzen. Unsere Ausweise kontrollieren sie trotzdem und schreiben unsere Namen und Adressen auf. Dann schicken sie uns vom Strand und geben uns bis zum Strandaufgang sogar Geleit, um sicherzustellen, dass wir auch wirklich verschwinden. Für den Fall, dass sie uns noch mal erwischen, drohen sie uns mit Verhaftung. Also verkrümeln wir uns auf die Boddenseite der Insel und schlafen dort am Deich.

Die Freiheit

Nach dem Fall der Mauer hole ich dann alles nach, was zuvor verboten war. Ich feiere Partys am Strand und schlafe in lauen Sommernächten im weichen Ostseesand. Ich fahre mit der Fähre nach Bornholm und nach Trelleborg. Besuche alle Länder und viele Städte rund um dieses schöne Meer. Heute kann ich nicht nur mit einer der vielen Fährverbindungen quer über die Ostsee reisen. Ich kann sie auch ohne eine einzige Grenzkontrolle mit dem Auto umrunden*. Wenn ich den Menschen, egal ob in Schweden, Finnland oder dem Baltikum, erzähle, dass ich an der deutschen Ostsee aufgewachsen bin und nun die anderen Küsten des Baltischen Meeres kennenlernen möchte, verstehen wir uns sofort. Dann höre ich Sätze wie: „Man ist sich oftmals gar nicht bewusst, was für wunderschöne Plätze man direkt vor seiner Haustür hat.“

Heute ist die Ostsee wieder ein Meer, das seine Bewohner eint und nicht trennt. Wo sich die Menschen ihrer gemeinsamen Geschichte und Traditionen im Herzen Nordeuropas erinnern. Und wo sich die Bewohner der Schönheit und Einzigartigkeit des Mare Baltikum bewusst sind. Endlos lange und weiße Strände, imposante Steilküsten, unzählige Inseln, dahinter tiefe Wälder, weite Felder und wunderschöne Städte. Sie ist ein unbedingt zu schützendes Naturparadies, gesäumt von Kulturlandschaften und kann auf eine wechselvolle Geschichte zurückblicken. Die Ostsee ist alles andere als ein kleines und langweiliges Randgewässer. Und ganz so kalt viele glauben, ist sie auch nicht. Ihre sommerliche Durchschnittstemperatur liegt immerhin bei 18°C.

*Wenn man Russland auslässt. Für die Einreise benötigt man ein Visum.

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Autor: Lars Schmidt

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