Gotland

Mit dem Camper nach Gotland: Ruhe und Einsamkeit in der Vorsaison

Entspannung pur in der Natur. Ende Mai hat man Südschweden als Camper noch fast für sich allein. Für Menschen, die Ruhe und Einsamkeit lieben, ein Paradies. Auch wenn dem Land noch die sommerliche Wärme fehlt und die Nächte ziemlich kühl sind. Und dann gab’s für Nord bei Nordost auf Gotland noch eine böse Überraschung.

Nach vier entspannten Stunden auf der Fähre von Saßnitz nach Trelleborg rollen wir auf schwedischen Boden. Da unser VW-Bus von außen nicht als Camper zu erkennen ist, möchte sich ein Zöllner durch einen Blick ins Innere davon überzeugen. Danach winkt er uns durch. Wir nehmen die Küstenstraße Richtung Ystad und fahren nach einem Zwischenstopp mit kurzem Stadtbummel weiter nach Simrishamn. Der Campingplatz Tobisviks liegt direkt hinter dem Strand und ist fast menschenleer. Es ist Ende Mai und für schwedische Verhältnisse noch tiefste Vorsaison. Wir ziehen uns warme Pullis an und schlendern über den breiten und einsamen Strand. Die Ostsee plätschert sanft ans Ufer und die Strahlen der Abendsonne glitzern auf den Wellen.

Am nächsten Tag geht es auf die Piste und über Karlskrona fahren wir bis nach Kalmar. Die Straßen sind super ausgebaut und doch darf man höchstens 90 fahren. An einigen Abschnitten sogar nur 70. So hat man Zeit, sich die Landschaft anzuschauen. In Kalmar nächtigen wir auf einem Campingplatz am Rande der Stadt. Von dort laufen wir zu Fuß zum nahegelegenen Kalmarer Schloss und besichtigen die in der Ostsee liegende, imposante Anlage. Als Festung trotzte das Bauwerk bis 1611 insgesamt 24 Belagerungen.

Auf die Insel Öland

Lerkaka auf Öland

Windmühlen bei Lerkaka auf Öland.

Von Kalmar ist es ein Katzensprung auf die Insel Öland. Die sechs Kilometer lange Ölandbrücke führt uns direkt aus der Stadt hinüber. Wir fahren ein Stück an der Westküste nach Norden, überqueren die schmale aber langgestreckte Insel bei Borgholm zur Ostseite und folgen der Küstenlinie nun nach Süden. Immer wieder stehen alte Windmühlen am Wegesrand. Gut 400 gibt es heute noch. Es handelt sich um Bockwindmühlen und ein besonders eindrucksvolles Bild von ihnen kann man sich auf der Ostseite der Insel am südlichen Ortsausgang des Dörfchens Lerkaka machen. Gleich fünf Exemplare stehen hier nebeneinander. Zeit für eine Pause und zum Fotografieren.

Als nächstes steuern wir die Burg Enketorp im Südosten des Eilandes an. Die kreisförmige Anlage wurde wohl um 300 n. Chr. errichtet und bis ins 13. Jahrhundert genutzt. Vermutlich diente sie als Fluchtburg. Heute ist sie ein Museum. Dann geht’s zur Südspitze Ölands – zum Leuchtturm „Lange Jan“. Mit einer Höhe von 41,6 Metern ist er der höchste Skandinaviens. Im Sommer – und auch bei unserem Besuch im Mai – ist der Turm für Besucher geöffnet. Von oben haben wir einen herrlichen Ausblick auf die Ostsee, Öland, und das schwedische Festland. Und zum ersten Mal sind wir von anderen Touristen umgeben. Fast alle mit riesigen Feldstechern bewaffnet. Es sind Ornithologen, Gäste der nahegelgegen Vogelwarte, die sich an der artenreichen Vogelwelt der Insel erfreuen. Der Süden Ölands ist aufgrund seiner einzigartigen Landschaft UNESCO-Weltkulturerbe. An der Südwestküste finden wir einen einfachen Campingplatz für die Nacht (Sandviks Camping).

Idylle in Oknö

Von Öland zurück über den Kalmarsund sind es nur noch rund 100 Kilometer bis zum Fährhafen von Oskarshamn, von wo unsere Fähre nach Gotland am folgenden Tag geht. Wir haben also Zeit und beschließen nach etwa dreiviertel des Weges in Höhe von Mönsteras die Hauptstraße Richtung Küste zu verlassen. Auf einer schmalen Landstraße, zu beiden Seiten vom Wasser umgeben, erreichen wir eine malerische Halbinsel mit vielen kleinen und größeren Ferienhäusern. Wir drehen eine langsame Runde ohne auch nur auf einem Grundstück jemanden zu sehen. Dann steuern wir den Campingplatz First Camp Oknö an. Die Rezeption ist verwaist. An der Tür hängt ein Schild: „Die Rezeption ist in der Nebensaison täglich von 9 – 10 Uhr besetzt. Wenn Du außerhalb dieser Zeit anreist, suche dir einen Platz und melde dich an der Rezeption, wenn diese besetzt ist. Das Sanitärgebäude Nummer drei ist offen.“

Wir suchen uns ein lauschiges Plätzchen in der Nähe von Sanitärgebäude drei. Dann laufen wir eine Runde über das Gelände und stellen fest, dass wir die einzigen auf dem Campingplatz sind. Das Sanitärhaus ist blitzblank sauber und beheizt. Aus der Dusche kommt warmes Wasser. Vom Feinsten! Und keiner da, der unsere Idylle stört. Als wir am nächsten Morgen kurz nach 9 Uhr an der Rezeption stehen, ist diese immer noch verschlossen. Wir warten zehn Minuten und als immer noch niemand kommt, machen wir uns auf den Weg zur Fähre. Danke für den tollen, kostenlosen Service!

Gotland und Farö – von Insel zu Insel

Das Schiff nach Gotland ist rappelvoll. Ausgebucht. Vier Stunden dauert die Überfahrt. Nach der Ankunft suchen wir uns am Stadtrand der Inselhauptstadt Visby einen Parkplatz und unternehmen einen ersten, kurzen Stadtbummel durch die kleine, geschichtsträchtige Hansestadt. Anschließend schlagen wir die Route entlang der Westküste in den Norden der Insel Gotland. In Lickerhamns Semesterby – einer kleinen Siedlung mit Ferienhütten und Campingplatz – bleiben wir für die Nacht. Die Anlage befindet sich in einem Wäldchen mit Hanglage zur Küste. Über einen schmalen Pfad gelangen wir hinunter zum Strand. Auch hier sind wir – abgesehen von ein paar Handwerkern, die die Hütten für die kommende Saison auf Vordermann bringen – ganz allein. Neugierig, wer da schon so früh im Jahr Camping macht, kommen sie zu uns herüber. Sie erkundigen sich wo wir herkommen, was wir so machen und dann trinken wir ein Bier zusammen.

Raukar auf Farö

Raukar auf Farö.

Am nächsten Tag machen wir uns auf den Weg auf die nördlich von Gotland gelegene Insel Farö. Eine kostenlose Fähre verbindet beide Eilande im Pendelverkehr. Färo war noch bis 1995 militärisches Sperrgebiet. Entsprechend einsam, wild und urwüchsig ist die Insel. An der Nordwestküste bei Digerhuvud und Langhammars haben Wind und Wellen in Jahrtausenden bizarre Felsnadeln aus dem Kalksandstein gefräst. Sie heißen Raukar, sind bis zu zehn Meter hoch und stehen wie Figuren aus einer Fantasy-Welt am Strand. Auch im Inselinneren findet man sie vereinzelt. Für die Nacht steuern wir unseren Camper auf den kleinen, aber feinen Ekevikens Campingplatz, auf dem wir ausnahmsweise mal nicht die einzigen Gäste sind.

Eine Panne im Nirgendwo

Die Fähre bringt uns zurück nach Gotland. Wir tuckern gemütlich auf der östlichen Küstenstraße nach Süden und lassen uns treiben. Uns begegnet kaum ein Auto. Es ist Donnerstag, der 29. Mai, Himmelfahrt. Ist das in Schweden eigentlich auch ein Feiertag, fragen wir uns? Egal. Für uns macht das keinen Unterschied. Wir haben Zeit und kein spezielles Ziel. Unser Schiff zurück aufs Festland geht am Sonnabend. Visby steht für Freitag auf dem Plan. Als wir die Ausschilderung zu einer historischen Sehenswürdigkeit sehen, beschließen wir spontan abzubiegen und dem Hinweis zu folgen. Nach ein paar Metern geht die Asphaltstraße in eine unbefestigte Schotterpiste über. Wir ziehen eine riesige Staubwolke hinter uns her. Plötzlich blinkt die rote Kühlwasserkontrollleuchte auf. Irritiert schaue ich auf die Armaturen. Dann bemerke ich, dass der Anzeiger für die Motortemperatur im roten Bereich steht. Ich bremse den Camper ab, halte an und steige aus. Unterhalb des Motors bildet sich eine Pfütze im Schotter. Ich öffne die Motorhaube. Es qualmt. Aus einem Schlauch spritzt Kühlwasser.

Okay – weiterfahren unmöglich. Auch ohne große Ahnung von KFZ-Technik ist mir klar, dass wohl die Wasserpumpe kaputt ist. Da kommt uns ein Auto entgegen und hält. Ein Schwede steigt aus und fragt ob er helfen kann. Er bestätigt meine Vermutung und sagt ironisch: „Tja, deutsche Autos.“ Er selbst fährt einen Golf. Sein Angebot, ihn zu seinem nahegelegenen Bauernhof zu begleiten und dort Wasser zum Auffüllen der Kühlanlage zu zapfen, schlagen wir dankend aus. Unser 20-Liter-Trinkwasserkanister ist randvoll. Damit fülle ich den Kühlwasserbehälter unseres Wagens, starte den Motor, lege den Rückwärtsgang ein und rangiere den VW-Bus Richtung Hauptstraße. Immer, wenn die Warnleuchte wieder aufblinkt, wiederhole ich die Zeremonie. Insgesamt viermal. Dann haben wir die knapp zwei Kilometer bis zur Hauptstraße geschafft. Dort rufen wir die Notrufnummer unseres Pannendienstes an. Nachdem die freundliche Dame an anderen Ende der Leitung begriffen hat, das Gotland eine Ostseeinsel ist und zu Schweden gehört, hoffen wir inständig, dass der schwedische Pannenservice uns auch findet. Zwei Stunden später brummt eine riesiger Abschlepptruck auf uns zu.

Camping im Gewerbegebiet

Kurz darauf fährt unser Camper Huckepack Richtung Visby. Wir sitzen im Fahrerhaus des Abschleppers und bekommen vom Fahrer die Antwort auf unsere Himmefahrtfrage: „Ja, heute ist hier Feiertag.“ Ergo haben alle Werkstätten zu. Auch die VW-Werkstatt in einem Gewerbegebiet von Visby, auf deren Parkplatz er uns absetzt. Da stehen wir nun. Auf grauem Beton, anstatt in der grünen Natur. Freitagmorgen um sieben Uhr macht die Werkstatt wieder auf. Glück im Unglück: Die Werkstatt liegt nahe des Fährhafens, direkt an der Straße die vom Hafen in die Stadt führt. Gut 200 Meter entfernt ist ein Infopoint für die ankommenden Touristen. Neben dem Parkplatz steht ein Sanitärgebäude. Offen, sauber, beheizt und mit warmem Wasser. Besser hätte es auf einem Campingplatz auch nicht sein können.

Visby

Blick auf Visby.

Freitagfrüh schildern wir den Monteuren unser Problem und übergeben unseren Camper vertrauensvoll in ihre Hände. Dann machen wir uns auf den Weg in die Stadt und vertreiben uns dort die Zeit. Essen Frühstück, trinken Kaffee, bummeln durch die Gassen und entlang der historischen Stadtmauer und schauen uns die beeindruckend Ruine der Kirche St. Karin an. Vieles erinnert noch an die einst mächtige Stadt, die im Mittelalter eine der führenden Handelsmetropolen in der Ostsee war. Doch wie so oft sorgte die Stärke und die Macht für Neider. Erst eroberten 1361 die Dänen Visby. 1525 machte die Hansestadt Lübeck mit dem Konkurrenten kurzen Prozess. Beim Angriff auf Visby wurden alle Kirchen außer St. Marien zerstört. So viele Sehenswürdigkeiten Gotlands Hauptstadt auch hat, am Nachmittag haben wir sie auf unseren Rundgängen alle mehrmals gesehen.

Der Camper ist repariert – aber…

Zurück in der Werkstatt sagt man uns, dass die Wasserpumpe ausgetauscht sei. Irgendeine Spannrolle für den Zahnriemen aber, die man bei so eine Reparatur standartmäßig mitwechselt, habe man aber nicht auf Lager und daher nicht austauschen können. Man rät uns, diese Reparatur schnellstmöglich nachholen zu lassen. Oder bis Montag zu warten. Dann könne man das Teil besorgen. Da unsere Fähre am nächsten Tag geht, entscheiden wir uns für die erste Variante. Die Reparatur kostet uns umgerechnet 900 Euro. Ein tiefer Schlags ins Kontor unserer Urlaubskasse. Wir suchen uns einen nahegelegenen Campingplatz (Tofta Camping) für die letzte Nacht auf Gotland und setzen tags drauf auf das schwedische Festland über.

Unsicher wegen des nicht getauschten Rädchens und abgeschreckt von den schwedischen Werkstattkosten fahren wir ganz vorsichtig und mit nur einem Zwischenstopp zurück nach Trelleborg. Wegen der Vorsaison können wir ohne weiteres auf eine frühere Fähre umbuchen. Wieder in Deutschland, kann eine Werkstatt in Stralsund unser Problem lösen. Da wir drei Tage früher als geplant zurück sind, lenken wir den reparierten Camper auf den Darß und verbringen die Zeit in Prerow (Meißners Sommercamp). Das Wetter ist fantastisch und die Ostsee ist sowieso immer schön. Egal an welcher Küste man gerade ist.

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Autor: Lars Schmidt

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