Skinny Puppy

SKINNY PUPPY: Zuckersüßes Blut

Ende der 90er hätte wohl niemand auch nur einen müden Pfifferling darauf verwettet, dass Skinny Puppy je wieder auf einer Bühne stehen würden, geschweige denn ein neues Album aufnehmen. Zu zerklüftet war das Verhältnis zwischen den beiden Bandköpfen N Ogre und cEvin Key. Der Herointod Dwayne R. Goettels, des dritten Bandmitglieds, tat ein Übriges.

Zeitsprung in das Jahr 2005. Ein äußerst zufrieden wirkender cEvin Key sitzt in Kanada am Telefon und spricht mit Nord bei Nordost über ein blutiges Geheimrezept, die Stimme von George W. Bush und den Herzschlag der Erde.

Nord bei Nordost: Warum habt ihr 2000 – nach immerhin sechsjähriger Pause – noch einmal begonnen?

cEvin: Dafür muss man Mike Schorler von In Move und Stefan Herwig danken. Die beiden haben uns 1998 das erste Mal angerufen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich fünf Jahre lang kein Wort mit Ogre gewechselt. Und die beiden wollten, dass wir wieder zusammen spielen. Ich habe nur gelacht (lacht wirklich übertrieben laut in den Telefonhörer). Ein Jahr später, als sie es erneut versucht haben, gab ich ihnen die gleiche Antwort. Dann traf ich Ogre und erzählte ihm von den Anrufen. Er antwortete doch tatsächlich: Vielleicht sollten wir darüber nachdenken, wie wir das hinkriegen könnten. Das hatte ich nun überhaupt nicht erwartet, ich dachte, die Band hätte sich erledigt. Aber ehe wir uns versahen, haben wir 2000 die Show in Dresden gespielt. Dresden hat uns großen Spaß gemacht. Und plötzlich waren wir wieder mitten drin im Geschäft mit allem, was dazu gehört: neuem Album, Tour und DVD.

Nord bei Nordost: Was war der Grund für die Pause?

cEvin: Bei den Aufnahmen zu „The Process“ ging alles schief, was nur schief gehen konnte. Jeder von uns war irgendwie genervt. Wir haben es aber noch geschafft, das Album anständig fertig zu stellen. Leider verstarb Dwayne in dem Jahr. Zwei Monate vor seinem Tod hatte bereits Ogre die Band verlassen. Es war alles so negativ, dass es damals einfach das Beste war, auseinander zu gehen und erst einmal etwas anderes zu machen.
Heute hat sich Einiges geändert, Ogre und ich gehen mit vielen Dingen einfach ganz anders um. Wir beide schätzen die Arbeit für Skinny Puppy.

Nord bei Nordost: cEvin, lass uns noch einen Schritt weiter zurückgehen in der Geschichte von Skinny Puppy. Gab es 1983 einen speziellen Auslöser für die Bandgründung?

cEvin: Es war Zufall. Ich war damals in einer anderen Band, die mehr kommerzielle Sachen spielte. Das war nicht so sehr mein Ding.
Im Apartment eines Freundes habe ich damals Ogre getroffen. Ich hatte ein Stück geschrieben und ihn gefragt, ob er nicht die Lyrics machen will, dann könnten wir das Ganze abends aufnehmen. So hatten wir schneller als wir dachten unseren ersten Song. Es folgten weitere und schon hatten wir unser erstes Tape. Am ersten Tag, an dem es in den Geschäften war, wurden davon 30 Stück verkauft. Ja, so begann alles…

Nord bei Nordost: Am 12.09. erscheint eure Live-Doppel-DVD. Sehr beeindruckend bei dem Live-Auftritt sind die Visuals. Wer kümmert sich darum?

cEvin: William Morrison, unser Gitarrist, ist dafür hauptsächlich verantwortlich, und zwar schon seit zehn Jahren. Er hat auch viele Videos von uns gemacht. Ich habe übrigens lange gar nicht gewusst, dass er auch Gitarre spielt, erst seitdem er 2001 mit Ogre und seinem Soloprojekt ohGr auf Tour war.

Nord bei Nordost: Warum gibt es die Videoinstallationen fast ausschließlich in der ersten Hälfte des Konzertes?

cEvin: Wenn man ein Konzert von uns besucht, ist das nicht so. Auf der DVD wurden einfach weniger Visuals in die Songs integriert.

Nord bei Nordost: Das Konzert beginnt mit einem Ausschnitt aus einer Rede von George W. Bush. Welche Intention steckt dahinter?

cEvin: Es ist ein Gradmesser der derzeitigen Gesellschaft hier. Es geht um alltägliche Fragen wie: Ist das richtig oder falsch, was wir gerade tun? Sollen wir dem Typen glauben oder ihm lieber zurufen: „Hey, was tust du da?“ Nur seine Stimme reicht aus, um solche Assoziationen auszulösen.

Nord bei Nordost: Glaubst du, dass sich am System etwas ändern würde, wenn Bush nicht mehr an der Macht wäre?

cEvin: Ich denke schon. Ich für meinen Teil glaube, dass Bush das alte Denken repräsentiert. Es ist immer noch dieselbe Mentalität, mit der in Vietnam einmarschiert wurde.

Nord bei Nordost: Zurück zur DVD. Totenköpfe und Blut spielen bei euren Auftritten eine große Rolle. Warum?

cEvin: Als wir begannen, haben wir uns am Makabren und an Horror-B-Movies orientiert.
Es geht dabei auch um die Frage, wer wir wirklich sind. Wenn du die Haut zurückschiebst, sind da nun mal Fleisch und Blut.

Nord bei Nordost: Benutzt Ogre auf der Bühne eigentlich echtes Blut?

cEvin: Es war nie echtes Blut! Es ist ein geheimes Rezept, das wir verwenden. Du könntest das Blut sogar essen, wenn du wolltest. Es ist süß wie Zucker… Wir würden nie Teile von Tieren benutzen, weil es die Rechte der Tiere verletzen würde.

Nord bei Nordost: Fließt bei jedem eurer Auftritte so viel „Blut“?

cEvin: Ich denke, seit wir angefangen haben, gab es keine Show, in der es nicht so war. Ich weiß gar nicht genau, warum.

Nord bei Nordost: Eure Shows sind voller Power, ihr benötigt eine gute Kondition. Absolviert ihr vor einer Tour ein spezielles Fitness-Programm?

cEvin: Ogre muss ja am meisten arbeiten, er geht auch trainieren. Aber wir alle verlieren auf so einer Tour 10 Pfund – einfach weil du sehr viel schwitzt.

Nord bei Nordost: Skinny Puppy waren eine der ersten Bands, die Industrial-Electro gemacht haben. Wie siehst du die Entwicklung des Genres von euren Anfangstagen bis heute?

cEvin: Wir waren damals beeinflusst von Fad Gadget, Throbbing Gristle, Cabaret Voltaire. Wir mochten diese Musik, vermissten allerdings den Rhythmus. Wir setzen deshalb mehr Drums ein.
Inzwischen sind viele neue Stile gekommen und auch wieder verschwunden. Wir wollen Skinny Puppy allerdings so pur wie in den 80ern. Wir wollten da weitermachen, wo wir aufgehört hatten. Die neueren Sachen inspirieren mich nicht allzu sehr. Wenn ich Musik höre, dann hauptsächlich Dub. Das ist für mich der Herzschlag der Erde.

Nord bei Nordost: Letzte Frage: Welche Pläne gibt es bei Skinny Puppy in naher Zukunft?

cEvin: Wir arbeiten bereits an einem neuen Album, das im nächsten Jahr erscheinen soll. Gerade als die Aufnahmen für die letzte Platte beendet waren, hatten wir einen tollen Arbeitsstil entwickelt. Und diesen Arbeitsstil können wir nun beim neuen Album von Beginn an benutzen. Das ist richtig klasse!

Nord bei Nordost: cEvin, danke für das Gespräch. Wir freuen uns auf eure Auftritte in Kürze hier in Deutschland.

cEvin: Und weißt du, was das Beste ist? Dass Hiwatt Marshall das erste Mal unseren Sound live mischen wird. Er hat unsere Mixe im Studio gemacht und geht eigentlich nie mit auf Tour. Es ist eine große Ehre, ihn dieses Mal live dabei zu haben.

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Foto: Hardbeat

Autor: Stefan Bast

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