Project Pitchfork

PROJECT PITCHFORK: „Du wirst als Band verarscht“

Ausgenutzte Kreativität, mangelnde Dankbarkeit, Dummheit und Ignoranz der Musikindustrie – Project Pitchfork Sänger Peter Spilles zeichnet nicht gerade ein positives Bild von der gegenwärtigen Lage im Musikgeschäft. Auch der Zukunft des Internets sieht er skeptisch entgegen und nennt sie „sehr dunkel“. Umso freudiger sprach er im Nord bei Nordost-Interview dagegen über einen Tribute-Sampler von russischen Bands und sein Endspiel-Tipp für den Confed-Cup sollte sich auch als richtig herausstellen.
Nord bei Nordost: „Euer aktuelles Album ist typisch Pitchfork. Aber man hat den Eindruck, dass anders als bei früheren Werken, nicht richtig zu erkennen ist, wo es mit eurem Sound hin gehen soll. Ist „Kaskade“ im 15. Jahr eures Bestehens eine Art Standortbestimmung?“
Peter: „Wie fragen uns nie, wo es hin gehen soll. Wir machen das, was gerade dem Zeitgeist entspricht so wie wir ihn verstehen. Hinterher kann man natürlich immer groß darüber philosophieren, wie das nun gemeint ist. Die Wahrheit aber ist: Ein Künstler denkt nicht beim Schaffen. Und alles was danach passiert, ist ein Versuch der Analyse. Denn die Kunst ist oft schlecht greifbar.“
Nord bei Nordost: „Wie entsteht ein Project-Pitchfork-Album?“
Peter: „Jeder schreibt für sich Songs. Mit denen geht’s dann irgendwann ins Studio und dort kommen nur noch der Gesang, das Schlagzeug und die Gitarre rauf. Ein bisschen Feinschliff und fertig ist das Album. Der magische Moment daran passiert bei jedem einzelnen zu Hause, wenn der Song geschrieben wird. Früher haben wir die Lieder auch zusammen komponiert. Aber dabei mussten wir zu viele Kompromisse eingehen. Wir sind nun mal drei gute Songschreiber. Jeder hat seine Stärken. Und damit ergänzen wir uns hervorragend.“
Nord bei Nordost: „Die meisten Rezensionen zu „Kaskade“ sind eher verhalten. Wie wichtige sind solche Artikel für euch?“
Peter: „Es ist scheißegal was da geschrieben wird. Hauptsache ist, es gibt eine Rezension. Das ist unsere Erfahrung. Denn es gibt immer Leute, die auch bei schlechten Rezensionen im Laden in die Platte reinhören und ihr eine Chance geben, in dem sie sich eine eigene Meinung bilden. Im Endeffekt darfst du als Musiker sowieso nicht viel auf Meinungen geben. Es gab in unserer Bandgeschichte immer Kritiker, die irgendetwas an der Musik auszusetzen hatten. Aber wir wollen uns eben nicht ständig wiederholen. Wir wollen nicht ein Bild malen und jedes Jahr eine leichte Abwandlung davon machen. Das bringt uns und die Szene nicht weiter.“
Nord bei Nordost: „Ihr ward immer auch Trendsetter und Vorreiter in Sachen elektronischer Musik und wurdet entsprechend, auch in den Medien, gefeiert. Seid ihr dadurch erfolgsverwöhnt?“
Peter: „Unser Erfolg hatte seinen Preis. Wir haben lange Zeit Staub gefressen. Denn du wirst als Band immer wieder verarscht, weil dein kreatives Potenzial ausgenutzt wird. Überall stecken dir Leute Kanülen in den Körper, um etwas von deiner Kreativität abzubekommen. Um durch deine Kreativität einen Job zu bekommen. Das fängt in deinem nahen Umfeld an und zieht Kreise bis in die Medien. Ein kreativer Mensch schafft Arbeitsplätze für 200 Leute. Aber es gibt keine Dankbarkeit dafür! Und Erfolg im Sinne, dass man Millionen scheffelt, ist bei uns eh nicht der Fall. Wir haben alle lediglich Mietwohnungen und versuchen, über die Runden zu kommen. Es ist ein ständiger Kampf, weil du es als Künstler mit sehr vielen Unsicherheiten zu tun hast. Viele Musiker, die ich kenne, wissen nicht, wie sie morgen ihr Essen bezahlen sollen und freuen sich auf Tour zu sein, weil es da kostenlos ist.“
Nord bei Nordost: „Ist der Song „Schall und Rauch“ eure Abrechnung mit dem derzeitigen Werteverfall der Musik?“
Peter: „Genau das war der Hintergedanke.“
Nord bei Nordost: „Welche Erfahrungen habt ihr mit den ganzen Mechanismen der Musikindustrie gemacht?“
Peter: „Was wir gelernt haben: Wenn man denkt, es gibt einen Masterplan irgendwo da draußen in der Welt und sei es der von den Firmenbossen, die mit ihren Entscheidungen ganzen Jugendgenerationen lenken, dann vergiss es. Es ist summierte Dummheit. Die Ignoranz und das nicht Bewusstsein über die Ausmaße von Entscheidungen, die man trifft, werden zu einem Monstrum. Bei MTV und VIVA entscheiden seit vielen Jahren dieselben Leute, womit Generationen von Jugendlichen aufwachsen. Dort zählt nur das Geldverdienen und nicht die Kunst. Und das ist erschreckend.“
Nord bei Nordost: „Ihr habt ja selbst recht früh begonnen, auf diesem Gebiet nach Alternativen zu suchen. Zum Beispiel gab es die Songs „Schall und Rauch“ und „The Future Is Now“ auf eurer Website vor der Albumveröffentlichung zum Downloaden…“
Peter: „Das war auch sehr frustrierend. Wir hatten in den ersten Stunden dieser Aktion 30 Downloads und wenig später waren die Songs, gegen Bezahlung, auf irgendwelchen Internetseiten im Angebot.“
Nord bei Nordost: „Ist das Internet ein Nagel im Sarg des Musikgeschäfts?“
Peter: „Wer weiß wie groß der Nagel Internet noch sein wird. Aber es ist nicht nur der Nagel für die Musik… Außerdem wird diese Entwicklung doch immer langweiliger. Wenn dein Computer bald alles kann, telefonieren, Musik und Filme abspielen, Fernsehsender empfangen, dann wird das Gerät doch bald wichtiger als seine Inhalte. Darüber macht sich nämlich keiner Gedanken, weil alle nur von einer Gewinnerwartung zur nächsten denken. Da stell ich mir eine sehr dunkle Zukunft vor.“
Nord bei Nordost: „Aber einen Pitchfork-Song als Klingelton gibt es noch nicht, oder?“
Peter: „Doch. Auch wir müssen unsere Brötchen kaufen. Die CD-Verkäufe sinken. Davon sind wir genauso betroffen. Das Geld, das früher in Musik gesteckt wurde, wird heute in Handys und Klingeltöne gesteckt.“
Nord bei Nordost: „15 Jahre Project Pitchfork: Ihr habt die Gothic-Szene musikalisch mitgeprägt. Wie hat sie sich aus eurer Sicht in dieser Zeit verändert“
Peter: „Sie ist gewachsen. Und wie immer bei so einem Wachstum – die Gothic-Szene wird der Gesellschaft immer ähnlicher. Ob sie will oder nicht. Das liegt an der Masse. Auffällig sind diese Fashion-Gothics, die mit Karl-Lagerfeld-Attitüde über andere Gothics richten. Aber auch das ist nur ein Spiegel der Gesellschaft.“
Nord bei Nordost: „Es gibt ein Project Pitchfork Tribute-Album. Das besondere daran: Russische Bands covern eure Songs. Verrätst du noch mehr?“
Peter: „Wir haben letztes Jahr in Moskau gespielt. Und die russischen Bands, die da aufgetreten sind, haben uns echt vom Hocker gehauen. Musikalisch wie menschlich. Deren Motor ist die Freude an der Musik und nicht die Geilheit nach Erfolg. Und dann haben sie uns angeboten, so ein Tribute-Album zu machen.“
Nord bei Nordost: „Wie sind die Bands stilistisch einzuordnen?“
Peter: „Quer durch die Bank. Gothic, EBM, Minimal-Electro, Neo-Folk. Und alle Songs sind der Hammer! Jeder ein Juwel für sich.“
Nord bei Nordost: „Wie ist das Spielen in Moskau?“
Peter: „Toll. Die Leute sind sehr herzlich, offen und neugierig. Von der Stimmung und vom Temperament fühlt man sich da eher wie am Mittelmeer. Und das obligatorische Fläschchen Wodka steht natürlich auch immer auf dem Tisch. Nur dass man noch keine X-tra-Mode sieht. Dort ist noch der Individualismus gefragt.“
Nord bei Nordost: „Wann erscheint die CD?“
Peter: „Im September.“
Nord bei Nordost: „Wer gewinnt den Confederations-Cup?“
Peter: „Ich tippe auf Brasilien.“
Nord bei Nordost: „Vielen Dank für das Interview.“

Mehr Project Pitchfork auf Nord bei Nordost:

 

Project Pitchfork (Foto: Candyland)

Autor: Lars Schmidt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.