NEUROTICFISH: „Was in der Electro-Szene passiert, langweilt mich“

Normalerweise gibt Sascha Mario Klein von Neuroticfish Interviews nur per E-Mail. Nord bei Nordost wurde jedoch das seltene Glück zuteil, via Telefon mit dem neurotischen Fisch zu sprechen. So erfuhren wir wissenswertes über die Farbe Gelb, über Sprachbarrieren und wie aus Neuroticfish per Zellteilung ein Duo wurde. Anfangs war Sascha aber mächtig frustriert, weil sein Album schon vor der Veröffentlichung als mp3 im Internet kursierte.

Nord bei Nordost: „Wie groß ist die Vorfreude auf die Veröffentlichung von „Gelb“?

Sascha: „Die Platte gibt es ja schon. Als mp3 im Internet. Kostenlos zum Downloaden…“

Nord bei Nordost: „Hast du einen Verdacht, wer das Album ins Netz gestellt haben kann? Eigentlich kommen ja nur die Journalisten und die DJs in Frage, die eine Vorab-Kopie haben.“

Sascha: „Genau. Und das ist natürlich sehr schade, dass selbst die Presse und die DJs keine Sensibilität dafür haben. Nicht alle, aber einige. Wir sind alle keine Großverdiener. Mit jeder Veröffentlichung, die ich verkaufe, finanziere ich die nächste. Die illegalen Downloads werden immer schlimmer und wer weiß, wo mich das hinführt. Vielleicht kann ich die nächste CD von Neuroticfish gar nicht mehr finanzieren.“

Nord bei Nordost: „Hast du eine Idee, wie man den Leuten klar machen kann, dass sie mit solchen Machenschaften ganze Musiker-Existenzen gefährden?“

Sascha: „Man kann die Leute nur dafür sensibilisieren, dass es in unserer kleinen Szene darauf ankommt, dass sie mit ihren CD-Käufen ein Weiterbestehen der Bands und kleinen Labels ermöglichen. Denn wenn die jetzige Entwicklung so weitergeht, gibt es bald nur noch die Major-Labels und Bands wie Nu Pagadi.“

Nord bei Nordost: „Die neuen Popstars, die ja interessanterweise ein sehr böses Image aufgesetzt bekommen haben und wie die Kindergarten-Version von Oomph oder Rammstein klingen…“

Sascha: „Weil das funktioniert. Gothic-Rock gilt doch zurzeit als schick. Das ging los mit Evanescence, und dann kamen die ganzen anderen schreienden Frauen, Nightwish und so. Es folgten Oomph mit ihrem Hit, den ich ihnen von Herzen gönne. Und nun sind die Plagiate an der Reihe. Wenn selbst die Popstars schon in diese Richtung getrimmt werden – Typen gekleidet in Felle und Sofabezüge – und dann „Your Darkside“ singen, lache ich mich tot. Aber die Kinder wollen es so haben.“

Nord bei Nordost: „Weil es nur noch ums Konsumieren geht?“

Sascha: „Richtig. Musik ist schon seit längerem zur Wegwerfware verkommen. Das merkt man schon, wenn man mal einen vernünftigen Plattenladen sucht. Der ganze Vertrieb ist doch nur noch darauf getrimmt, im Wal Mart oder bei REWE im Regal zu stehen. Und solche Läden wollen doch schnell viel verkaufen. Also gibt es da nur das, was gerade gehypt wird.“

Nord bei Nordost: „Warum heißt dein neues Album ausgerechnet „Gelb“ und nicht „Rot“ oder „Blau“?“

Sascha: „Gelb ist eine Warnfarbe. Viele Warnschilder sind gelb. Während der Produktion war es so, als würden mich solche Schilder zum Ziel führen. Wie Wegweiser. Wir haben uns nicht vom Weg abbringen lassen und genau das getan, was wir wollten. Nämlich die Musik, die wir selber gerne hören würden. Und deshalb haben wir dieses Album auch genauso gemacht und nicht anders. „Gelb“ bezeichnet ganz genau unseren Weg und nicht den Weg, den andere uns vorschreiben.“

Nord bei Nordost: „Gelb ist auch die Farbe des Neides. Spielte das eine Rolle?“

Sascha: „Indirekt vielleicht. Neuroticfish ist ja kein großer Act. Aber dennoch haben auch wir Neider. Auch unter Musikern herrscht eine Art Zickenwirtschaft. Und ich bin ziemlich verschrien. Es heißt immer, ich wäre der große, dicke, arrogante Kerl. Aber der Grundtenor des Albums ist der Neid nicht. Gelb bedeutet in erster Linie Warnung.“

Nord bei Nordost: „Auf deinem Vorgängeralbum „Les Chansons Neurotiques“ hast du dir ein Ego erschaffen. Gibt es diesen „Need“ noch?“

Sascha: „Need“ war eine Art Kunstmensch, über den ich gesungen habe und der über mich gesungen hat. Das war das ganze Konzept des Albums. Diesmal war das ganz anders. Außerdem sind Neuroticfish ja nun zu zweit. Henning Verlage gehört jetzt fest zur Band. Da war „Need“ plötzlich überflüssig. Und seitdem hängt er als Bild bei mir im Studio.“

Nord bei Nordost: „Wie sieht er aus?“

Sascha: „Er war die Vorlage des Artworks von „Les Chansons Neurotiques“.“

Nord bei Nordost: „Gelb“ handelt von inneren Monologen, heißt es. Was muss man sich darunter vorstellen?“

Sascha: „Ich bin diesmal textlich einen anderen Weg gegangen. Früher habe ich immer um den heißen Brei herumgesungen. Jetzt kommen die Texte genau auf den Punkt. Das ist mir beim Schreiben aber gar nicht aufgefallen. Erst Freunde, denen ich die Songs vorspielte, meinten das. Die Texte handeln alle von Situationen, in denen man seinem realen Gegenüber eine imaginäre Meinung sagt. Neuroticfish basiert ja auf meinen persönlichen Neurosen und diese Geister haben mich bei der Albumproduktion eben verfolgt.“

Nord bei Nordost: „Klingt sehr anspruchsvoll…“

Sascha: „Im Moment hört man sehr viele Electro-Songs, bei denen es nur auf den Beat ankommt. Die Texte kannst du aber in die Tonne hauen. Die sind schlecht gesungen, das Englisch ist mies und der Sinn erschließt sich auch nicht. Ich habe ja nichts gegen Clubtauglichkeit. Aber man kann dabei doch auch noch eine Geschichte erzählen.“

Nord bei Nordost: „Wie definierst du Erfolg?“

Sascha: „Erfolg ist für mich nicht die Verkaufszahl eines Albums. Erfolg ist für mich eher Befriedigung. Wenn ich eine ganze Nacht im Studio an einem Song gesessen habe und der dann so klingt, wie ich es mir vorgestellt habe – das befriedigt mich. Innerlich zufrieden zu sein, das ist für mich Erfolg.“

Nord bei Nordost: „Von dir stammt der Ausspruch: „Sprachen sind nur die Symptome einer kranken Welt.“ Aber du benutzt sie um zu kommunizieren, um zu singen. Ist das nicht widersprüchlich?“

Sascha: „Nee, nee. Wenn ich alle Sprachen könnte, würde ich sie auch benutzen. Aber ich kann nur Deutsch, Englisch und ein bisschen Spanisch. Japanisch und Italienisch würde ich gerne lernen, habe aber leider keine Zeit. Sprachen sind immer noch Barrieren, wenn sich Leute unterhalten wollen, die verschiedene Sprachen sprechen. Selbst Englisch konnte sich als Weltsprache nicht durchsetzen. Geh mal nach Frankreich… Und das ist krank. Wir schaffen es nicht, die Sprachbarrieren zu überbrücken.“

Nord bei Nordost: „Warum gibst du Interviews am liebsten per E-Mail?“

Sascha: „Das ist einfacher für mich. Zu „Les Chansons Neurotiques“ habe ich 120 Interviews gegeben. Und 70 Prozent der Fragen waren nicht nur gleich, sondern auch uninspiriert. Da kommt dann „drag and drop“ zum Einsatz. Außerdem drücke ich mich schriftlich präziser aus.“

Nord bei Nordost: „Du hast schon erwähnt, dass Neuroticfish jetzt ein Duo ist. Wie kam es zu der Verstärkung?“

Sascha: „Henning ist ja schon seit 2001 Live-Keyboarder bei mir. Außerdem ist er Musikproduzent und hat mich schon immer unterstützt. Irgendwann habe ich ihm ein paar Songentwürfe vorgespielt und ihn gefragt, ob wir die Titel nicht zusammen produzieren wollen. Und so ist das gekommen, dass er jetzt zur Band gehört. Die Person Neuroticfish bin ich. Die Band Neuroticfish sind wir beide. Es war ein rein organischer Prozess. Zellteilung.“

Nord bei Nordost: „An einem deiner Slogans kommt man nicht vorbei. Du sagst: „EBM ist tot“ und Neuroticfish analysiert und dokumentiert seinen Verfall. Wann ist dieser Prozess abgeschlossen und bedeutet er gleichzeitig das Ende von Neuroticfish?“

Sascha: „Ich hab ja nicht behauptet, der Tod des EBM und Neuroticfish sind miteinander verbunden oder voneinander abhängig. Das Sample „EBM is dead“ stammt aus der Anfangszeit von Neuroticfish. Damals redeten alle vom EBM, obwohl der damalige Sound durch Rave und Techno schon zu etwas ganz anderem geworden war. Leute stecken Musik gern in Schubladen. Aber Musikrichtungen können sich auch entwickeln und wandeln. Und dann gibt es sogenannte Retro-Bands, die sagen, sie klingen wie Frontline Assembly vor 15 Jahren und das ist EBM. Da sag ich: „Stimmt. Ist aber trotzdem tot. Denn es ist nichts Neues.“ Was zurzeit in der Electro-Szene passiert, langweilt mich. Es kommt nichts Frisches. Ich höre lieber Brit-Pop, Rock, Metal – da ist wenigstens Bewegung drin. Besonders im Brit-Pop geht’s um Melodien, Geschichten zu erzählen und sein Leid in die Welt zu tragen. Und das verbinde ich auch mit Neuroticfish. Deswegen fühle ich mich da musikalisch wohler als in der Electro-Szene, wo es nur ums Coolsein geht.“

Nord bei Nordost: „Man hört ja auch ein paar rockige Anklänge auf „Gelb“.

Sascha: „Ich habe eine Stromgitarre. Außerdem haben wir einen Rock-Bass verwendet und viel experimentiert, damit die Syntheziser wie E-Gitarren klingen. Und das hat richtig Spaß gemacht. Bei dem Song „They’re Coming To Take Me Away“ hört man das auch deutlich raus.“

Nord bei Nordost: „Ein kleiner Ausblick in die nahe Zukunft?“

Sascha: „Wir überlegen, ob wir eine zweite Single auskoppeln. Aber wir haben keine Lieblingssongs und deshalb fällt die Entscheidung schwer, denn wir wollen keinem Lied unrecht tun. Aber da wird sich eine Lösung finden…“

Nord bei Nordost: Vielen dank für das Interview.“

Bandwebseite

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Neuroticfish (Foto: Strange Ways)

Autor: Lars Schmidt

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