Tintagel, Südengland

Südengland – Geschichte und Magie auf Schritt und Tritt

Englands Süden – das sind geschichtsträchtige Orte wie Canterbury und Bath, rätselhafte Steinsetzungen wie Stonehenge oder Avebury, gotische Kathedralen wie in Salisbury und Wells sowie die magischen Stätten in Glastonbury oder Tintagel. Das Land zwischen den Grafschaften Kent im Südosten und Cornwall im Südwesten eignet sich hervorragend für individuelle Urlaubstripps. Massentourismus ist hier, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ein Fremdwort. Und wer sich darauf einlässt, wird besonders im südwestlichen Teil der Britischen Insel spüren, dass das ganze Land einen faszinierenden Hauch voller Magie atmet.

„Ich bin zweimal mit Auto und Zelt durch Südengland und nach Cornwall gereist. Stonehenge und Glastonbury habe ich auch auf anderen Englandreisen besucht.“

Die Chalice Well unterhalb des Glastonbury Tor.

Die Chalice Well unterhalb des Glastonbury Tor.

Kein Wunder, schließlich befinde ich mich im Land König Artus, einer Gegend, die sich bis heute den zauberhaften Charme jener Zeit bewahrt hat, aus der die Legenden um den Gralssucher und seine Ritter der Tafelrunde stammen. Kaum ein Ort, der nicht mit ihnen in Verbindung gebracht wird. Zentrum all dieser Stätten ist Glastonbury. Jene Stadt, über deren Dächern der Tor, gekrönt von einer alten Kapelle, thront. Am Fuße dieses kegelförmigen Hügels soll einst der heilige Joseph von Arimathia den Gral – den Abendmahlkelch mit dem Blute Christi – vergraben haben. Und wer möchte das nicht glauben, steht er vor der Chalice Well, jener Quelle, aus der rot gefärbtes Wasser sprudelt.

Auf der Insel Avalon

Auch König Artus Grab soll sich im Inneren des Tors befinden. Denn laut Sage wurde Artus nach seiner tödlichen Verwundung von drei Priesterinnen auf die Insel Avalon gebracht. Und dass die Spitze des Glastonbury Tors in der Epoche Artus als Insel aus einem flachen See ragte, ist heute erwiesen. Besonders im Sommer ist dieser Ort daher ein großer Anziehungspunkt für Fans der Artus-Sage sowie für die Anhänger der alten keltisch-heidnischen Religion. In Vollmondnächten und zur Sommersonnenwende ziehen sie zu Scharen auf den Tor. Druiden zelebrieren dann alte Riten – ein Erlebnis, dass man so schnell nicht vergisst – wird man sein Zeuge.

Nicht weit von Glastonbury liegen die Städte Bath und Wells. Bis hierhin hatten es die Römer vor 2000 Jahren geschafft und die sonnenverwöhnten Südeuropäer waren sicherlich überglücklich, als sie in Bath auf heiße Thermalquellen stießen. Die einzigen in England. Einmalig ist auch das geschlossene Stadtbild aus der georgianischen Epoche (1720 – 1820), das zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Wells beeindruckt dagegen durch seine gotische Kathedrale – eine der größten und schönsten Englands – sowie durch die vollständig erhaltene mittelalterliche Wohnstraße Vicar’s Close.

Mysterium Stonehenge

Stonehenge

Stonehenge

Der höchste Kirchturm Englands steht in Salisbury und gehört der dortigen Kathedrale. Seine Bekanntheit hat die Stadt in Wiltshire aber einem anderen geschichtsträchtigen Ort zu verdanken: dem nahegelegenen Stonehenge. Kein anderer Platz auf den britischen Inseln ist so berühmt, bekannt und geheimnisumwittert wie dieser. Die imposante Megalithstätte – heute nur noch eine Ruine – gibt Wissenschaftlern noch immer Rätsel auf. Ein Observatorium? Ein Tempel?

Sicher ist: Am 21. Juni geht die Sonne über dem 80 Meter nordöstlich des Zentrums liegenden Heel Stone auf und scheint durch die hufeisenförmige innere Gruppe der Steintore. Vor etwa 5000 Jahren wurde mit dem Bau der Anlage begonnen. Vor 4500 und 4000 Jahren entstand das Monument der Megalithen, deren Reste man heute noch bestaunen kann. Und das trotz der Millionen Menschen, die jährlich hierher strömen, nichts von seiner ungeheuren Ausstrahlung verloren hat. Weniger berühmt aber genauso sehenswert ist der weitläufige Steinkreis von Avebury, gut 30 Kilometer nördlich von Stonehenge.

Die faszinierendste Landschaft Südenglands kann zweifelsohne Cornwall aufweisen. Der südwestlichste Zipfel der britischen Insel lebt vom Kontrast zwischen den Wogen des Atlantiks, fjordähnlichen Meeresarmen, einer zerklüfteten Küste und malerischen Fischerdörfern. Viele verfallene Zinnminen zeugen von Cornwalls Bedeutung in der Bronzezeit und der Antike, als dieser Rohstoff von hier bis in den Mittelmeerraum exportiert wurde. Wie sonst nur noch in Wales und Schottland pflegt man hier das keltische Erbe.

Cornwall und schon wieder Artus

Und auch König Artus ist wieder allgegenwärtig. Sieht Cornwall sich doch als Herkunftsland des Gralssuchers. Tintagel, das kleine Dorf an der Küste Nordcornwalls ist ebenso ein Mekka für Artus-Fans wie Glastonbury. Die Ruinen auf Tintagel-Head sollen sein Schloss gewesen sein, doch die Mauern stammen wohl aus einer späteren Zeit. Eine Höhle unterhalb der Ruinen wird mit dem Zauberer Merlin in Verbindung gebracht.

Mindestens genauso sehenswert wie Tintagel sind die vielen Menhire, Dolmen und keltischen Kreuze, die über ganz Cornwall verstreut liegen und die Zeugnis von der frühen Besiedlung dieser rauen Landschaft ablegen. Mit Lands End und dem Lizard Point finden sich in Cornwall nicht nur zwei spektakuläre Kaps, sondern auch der westlichste und südlichste Punkt der britischen Hauptinsel. Und manch einen wird es verwundern, dass an der Kanalküste sogar Palmen gedeihen. Dem dank Golfstrom milden Kilma sei dank.

Der westlichste Zipfel und das einsame Moor

Auf dem Weg nach Cornwall.

Pause auf dem Weg nach Cornwall.

Achtung jedoch vor einem Besuch von Lands End. Der westlichste Zipfel ist eine Touristenfalle mit Jahrmarktcharakter, die Eintritt kostet. Möchte man sich das Geld sparen und nur die Landschaft genießen, sollte man von Sennen Cove zu Fuß nach Lands End wandern. Lohnenswert ist auch ein Besuch des St. Michaels Mount. Das kleine Pendant des französischen Mont St. Michel kann man von dem Örtchen Marazion per Boot und bei Ebbe sogar zu Fuß besuchen.

Während man auf der Nordwestroute von oder nach Cornwall immer der Küstenstraße durch urige Fischerdörfer und mondäne Seebäder folgt und dabei spektakuläre Klippen sowie schöne Strände sieht, führt die Südostroute zwischen Plymouth und Exeter fast unweigerlich durch das Dartmoor. Das raue Heidemoor, mit seinen dunklen Granitfelsen und den saftig grünen Wiesen, ist eine der einsamsten Landschaften Englands. Auf dem Weg durch das Moor sieht man immer wieder Dartmoor-Ponys, die dort in freier Wildbahn leben und neugierig an der Straße stehen.

Weiße Pferde und ein wahrer Riese

Ebenfalls sehr sehenswert: Durdle Door in der Bucht von Lulworth an der Jurassic Coast zwischen Swanage und Weymouth. Die Felsformation gehört zum Unesco-Weltnaturerbe und bildete die Kulisse für das Video zu „Shout“ von Tears For Fears. Von der Jurassic Coast bis in die nördlich gelegenen Hügel von Wiltshire findet man in die Hänge eingeritzte Bilder von Pferden. Diese „White Horses“ entstanden, in dem man die dünne obere Erdschicht abtrug und die darunter liegende Kreideschicht freilegte. Auch der Riese von Cerne Abbas (nördlich von Dorchester) entstand so. Er ist 55 Meter groß, hat einen sieben Meter langen Phallus und trägt in der rechten Hand eine Keule.

Immer einen Abstecher wert: das bekannte Seebad Brighton. Lohnenswert: das Wasserschloss Bodiam Castle, nördlich von Hastings. Ein Besuch Londons ist von der Südküste aus auch immer drin.

Der Mord an Thomas Beckett

Nicht zuletzt sollte man der Stadt Canterbury, dem Sitz der anglikanischen Kirche und ihrer wunderschönen, gotischen Kathedrale, einen Besuch abstatten. Traurige Berühmtheit erlangte das Gotteshaus durch den Mord an dem papstnahen englischen Erzbischof Thomas Beckett im Jahr 1170. Vier Ritter hatten ihn auf Anweisung König Heinrichs II. umgebracht. Canterbury entwickelte sich seitdem zu einer Art Wallfahrtsstätte. Heute erinnert ein Stein mit Becketts Namen an den Ort dieser Tat.

Englands Süden hat also jede Menge zu bieten – jenseits aller Klischees über schlechtes Essen und mieses Wetter. Ob an der Küste oder im Hinterland – es gibt jede Menge zu entdecken. Wer sich von einer Landschaft voller Geschichte und Geschichten, voller Mythen und Magie inspirieren lässt, den lässt der Spirit dieser Region so schnell nicht wieder los.

Hier die Stationen auf den beiden Reisen von Nord bei Nordost durch Südengland:

Ramsgate – Bodiam Castle – Salisbury – Stonehenge – Avebury – Bath – Wells – Glastonbury – Exmoor – Tintagel – Padstow – Newquay – St. Ives – Lands End – Penzance – Marazion – Lizard Point – Falmouth – Plymouth – Dartmoor – Weymouth – Durdle Door – Dorchester – Marlborough – London – Canterbury

Mehr Reiseberichte auf Nord bei Nordost:

Mit dem Camper nach Schottland: Ins wilde Herz der Highlands

Dieser Artikel ist 20008 bei gothmund.de und 2013 bei t-online.de erschienen.

 

Autor: Lars Schmidt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.