die anderen bands: CD- und Plattencover

„die anderen bands“ der DDR: inspirierend und faszinierend bis heute

„die anderen bands“ – das sind Punk-, New Wave-, Ska- oder experimentelle Bands – die sich ab Mitte der 1980er in der DDR weit abseits des Ostrocks eine große Fangemeinde erspielen. Es ist die Musik, die ich in den Jahren rund um die Wende höre. Sie hat mich beeinflusst und begleitet mich bis heute. Diesen Bands widme ich diesen Artikel und ein ganzes Webspecial. Denn ich bin der Meinung, dass „die anderen bands“ und ihre Musik eine deutlich höhere Aufmerksamkeit verdienen, als ihnen zuteilwird.

Webspecial „die anderen bands“

Im Webspecial „die anderen bands“ gibt es viele Fotos, Videos und Audios von Protagonisten jener Zeit. In diesem Blog-Beitrag lege ich den Fokus auf die Schwierigkeiten, unter denen diese Bands damals nebenberuflich arbeiteten. Denn damit ging es schon los. Berufsmusiker waren nur die etablierten Ostbands. Man musste normalerweise ein Musikstudium absolviert haben, um den Berufsmusikerausweis zu erhalten. Alle anderen erhielten eine Einstufung als sogenannte Amateurtanzmusiker. Vorausgesetzt sie bestanden die dafür notwendige Prüfung. Neben musikalischem Können spielte dabei auch die ideologische Einstellung eine Rolle. Diese Prüfung musste alle zwei Jahre wiederholt werden. Und natürlich konnte die Spielerlaubnis jederzeit entzogen werden. Die Band Freygang erlebt das mehrmals. Auch wenn die schon 1979 gegründete Bluesband nie zu den „anderen bands“ gezählt wurde und ich ihre Musik damals nicht hörte, gehört sie aufgrund ihrer Geschichte heute für mich in diesen Kontext.

Freygang

Freygang Band

Nach dem Tod von André Greiner-Pol traten die Musiker als „Freygang Band“ auf.

Freygang haben bereits zwei Spielverbote hinter sich, als sie 1986 ein drittes Mal verboten werden. Der Grund: Obszöne Äußerungen und Belästigung des Publikums. Sänger André Greiner-Pol erhält sogar lebenslanges Auftrittsverbot. „Der eigentliche Grund aber war, dass der Staat die Szene nicht unter Kontrolle hatte und deshalb deren Protagonisten aus dem Spiel nahm“, erklärt mir Kay Lutter, damals Bassist bei Freygang. Die Bluesband, die größtenteils in der südlichen DDR-Provinz spielt, wird somit zum Bauernopfer, um der als subversiv geltenden Blueser-Szene die Helden zu nehmen. Denn die Fans pilgern den Musikern bis in die hintersten Winkel der Republik hinterher: „Die Szene traf sich auf Dörfern in der Lausitz, in Thüringen und in Sachsen, die kaum erreichbar waren. Und oftmals standen da noch 300 Leute vor der Tür, weil die Läden aus allen Nähten platzten“, erinnert sich Kay.

Feeling B

Feeling B (Stefan Mai)

Feeling B auf einem Open Air in Nauen am 04.06.1988. Foto: Stefan Mai

Auch Rammstein-Keyboarder Flake erlebt diese Zeit und solche Konzerte mit. „Freygang haben ja im Prinzip Punk in einer Bluesband gespielt“, erzählt er mir. „Unser erstes Feeling-B-Konzert haben wir in der Pause eines Freygang-Konzerts gespielt. Die hatten uns damals einfach mitgenommen.“ Auch „die anderen bands“ Ichfunktion und Die Firma treten häufig zusammen mit Freygang auf. Die Erfahrungen von Kay Lutter kann Flake, der damals in der Fun-Punk-Band Feeling B das Keyboard bedient, bestätigen: „Auf den Dörfern haben verbotene Bands gespielt in dem sie nur ihre Namen geändert haben. Da haben Bands Programme gespielt die absolut verboten waren und die Leute sind gekommen und niemand hat es gemerkt. Die kleinen Dörfer waren nicht so gut zu überwachen und für die Stasi nicht im Blickfeld. Die Jugendclubs in Berlin waren dagegen viel strenger überwacht.“

Sandow

Sandow (Foto: Stefan Mai)

Sandow auf einem Konzert auf der Freilichtbühne Berlin-Weißensee am 01.05.1989. (Foto: Stefan Mai)

Andere Dinge werden dafür in Berlin viel lockerer gehandhabt. Daran erinnert sich Kai Uwe Kohlschmidt, Sänger der Cottbusser Band Sandow. Stichwort Spielerlaubis: „In Berlin bekamen Bands wie Feeling B auf Anhieb die Sonderstufe. Das war die höchste Stufe für Amateurbands. Aber in Cottbus war das nicht so einfach. Da mussten wir wirklich fünf, sechs Jahre daran arbeiten, die Sonderstufe zu bekommen.“ Die Spielerlaubnis für Amateurbands wird nach einem Stufensystem vergeben, wonach sich die Bezahlung bei Konzerten richtet. In der Sonderstufe erhält ein Musiker 8,50 Mark pro Stunde.

Noch kurz vor der Wende bekommen die Sandow-Musiker den Status von Berufsmusikern zugsprochen, was laut Kai Uwe für ungelernte und unstudierte Musiker damals einem Wunder gleich kommt. Zumal die Truppe ein Jahr zuvor wegen ihres Theaterstücks  „Aufbruch und Aufruhr“ noch ins Visier der Stasi geraten war. „Unser Proberaum wurde aufgebrochen. Die Texte verschwanden alle“, sagt der Sänger. Ein befreundeter Kulturfunktionär warnt die Band: Führen sie das Stück weiter auf, droht die Verhaftung. Sandow stellen die Aufführungen ein.

Die Art

Die Art 1986. (Foto: Makarios)

Die Art, Bandfoto von 1986. (Foto: Makarios)

Die Art aus Leipzig erspielen sich 1985 die Spielerlaubnis. Allerdings mit einem Haken. Die Band heißt damals noch Die Zucht und dieser Name kommt bei den Kulturfunktionären gar nicht gut an. „Man sagte uns, dass wir zwar den Namen behalten können, dann aber auf der schwarzen Liste stehen und keine Auftritte kriegen“, so Makarios, der Sänger der Band. Die Behörde hätte per Rundschreiben alle Clubs und Veranstalter im Land aufgefordert, eine Band namens Die Zucht aufgrund des „reaktionären Namens“ keine Konzerte spielen zu lassen. Schweren Herzens entscheiden die Musiker, den Namen zu ändern um legal live spielen zu können. „Wir wollten nicht nur für Freunde auf Partys spielen. Wir wollten es auch offiziell“, erklärt Makarios und sieht die Sache pragmatisch: „Märtyrer sein bringt ja letztendlich auch nichts. Also lieber unter anderem Namen dieselbe Musik weitermachen.“ So wird aus Die Zucht Die Art.

Herbst in Peking

Herbst in Peking (Foto: Pekingrecords)

Herbst in Peking, Bandfoto von 1990 (Foto: Pekingrecords)

Nicht ganz so kompromissbereit zeigt sich die 1987 gegründete Band Herbst in Peking. Auch sie kriegt wegen ihres Namens Ärger. Und das trotz Genehmigung der chinesischen Botschaft und eines Buchverlages – denn Herbst in Peking ist der Titel eines Romans von Boris Vian. Die Band behält den Namen, verwendet aber in der geschriebenen Form die Abkürzung „H.i.P.“. Im Juni 1989 halten die Musiker bei einem Auftritt eine Schweigeminute für die Opfer des Massakers auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking. Kurz darauf wird ihnen die Spielerlaubnis entzogen, was einem Verbot gleich kommt. Sänger und Bassist fliehen im letzten Sommer der DDR in den Westen und vollenden dort den bereits im Osten begonnenen Song „Bakschischrepublik“. „In dem Song kulminiert die Existenz der Band Herbst in Peking in der DDR, bis zum Infarkt des Systems“, bringt Sänger Rex Joswig die Essenz des Liedes auf den Punkt. Nach dem Fall der Mauer wird die „Bakschischrepublik“ zum Wende-Hit.

„Die letzten Tage von Pompeji“

1990 gründen Herbst in Peking mit Peking Records das erste Independet-Label der DDR. Im Juni nehmen sie in Berlin die letzte und noch mit Ostmark produzierte LP der DDR auf. Der Sampler „Die letzten Tage von Pompeji“ enthält Live-Aufnahmen der Bands Ichfunktion, Die Firma und Freygang. Letztere sind zwar, genau wie Herbst in Peking, offiziell immer noch verboten. Aber das interessiert nun wirklich keinen mehr, wie Freygang-Bassist Kay Lutter, der heute bei In Extremo ist, weiß: „Das Spielverbot wurde bis zum Ende der DDR nie aufgehoben. Wir haben im Sommer 1989 einfach wieder angefangen aufzutreten, weil die Behörden andere Sorgen hatten.“

Die Nach-Wende-Zeit

Kay Lutter hat den Roman Bluessommer geschrieben.

Ex-Freygang-Bassist Kay Lutter

Doch trotz der neuen Freiheiten brechen für „die anderen bands“ schwere Zeiten an. Auch wenn einige erstmal Platten veröffentlichen. Viele von ihnen kämpfen mit einem akuten Themenverlust oder haben Schwierigkeiten, sich im marktwirtschaftlichen Konkurrenzkampf um Plattenverträge und Tourneen zu behaupten. Es kommt zu zahlreichen Auflösungen. Feeling B und Herbst in Peking halten bis 1993 durch. Sandow bis 1999, Die Art bis 2001. Doch bis auf Feeling B sind heute wieder alle aktiv. Und dass Feeling-B-Keyboarder Flake sowie Gitarrist Paul Landers jetzt bei Rammstein sind, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Freygang bestehen trotz des Todes von Sänger André Greiner-Pol im Jahr 2008 weiter und lösen sich erst 2019 offiziell auf.

Für mich klingt der Sound dieser Bands bis heute nach. Ihre Musik ertönt noch immer regelmäßig in meinen vier Wänden. Und die Debütalben von Feeling B, Sandow, Die Art oder Herbst in Peking haben in meinen Augen nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Sie stehen für ihre Zeit und passen doch ins Hier und Jetzt. Vielleicht ist es aber auch nur so wie Kai Uwe Kohlschmidt es mir erklärte: „Meistens hinterlässt Musik in einem gewissen Alter, besonders wenn man jung ist, prägende Spuren. Sie wird zum Soundtrack dieser Zeit und es bleibt etwas, was in irgendeiner Weise etwas ausgelöst hat.“

Zu meinem Webspecial auf hr1.de geht es hier.

„die anderen bands“ – der Wende-Soundtrack von Nord bei Nordost:

  • Herbst in Peking – Bakschischrepublik
    Sandow – Born in the GDR
    Die Art – Wide Wide World
    Feeling B – Artig
    Hard Pop – Katjuscha
    AG Geige – Fischleim
    die anderen – Freitagabend in Berlin
    Die Firma – Faschist
    Die Skeptiker – Jajaja
    Big Savod & The Deep Manko – Anyway What We’ll Find
    Die Vision – Love By Wire
    Rosengarten – Bessere Zeiten
    Wartburgs für Walter – Springtime
    Tina Has Never Had A Teddybaer – He’s Coming Back
    Ichfunktion – Wolokolamsker Chaussee

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Autor: Lars Schmidt

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