Knorkator

Knorkator: „Nur die wenigsten verbinden unseren Namen mit guter Musik“

Sie selbst bezeichnen sich als Boyband und nennen sich die meiste Band Deutschlands. Im Jahr 2000 legten sie einen legendären Flokati-Auftritt beim deutschen Grand-Prix-Vorentscheid hin. Ein Ereignis, das bis heute nachwirkt. Leider wird dabei übersehen, dass die Lieder und Texte der Truppe um Songwriter Alf Ator zum Besten gehören, was die deutschsprachige Rockmusik derzeit zu bieten hat. 2011 haben Knorkator die herausragende neue CD „Es werde Nicht“ am Start.

Dass zwischen dem aktuellen und dem letzten Album eine gut dreijährige Auszeit der Band liegt – man hatte sich eine kreative Schaffenspause auferlegt – ist „Es werde Nicht“ überhaupt nicht anzuhören. „Wenn wir wieder zurückkommen, dann nur mit einem richtig guten Album“, erzählt mir Songschreiber, Keyboarder und Sänger Alf Ator im Interview. Und so vereint die CD einmal mehr alle Stärken Knorkators: Humor, Wortwitz und gekonnte Arrangements. Die Songs „Du nich“, „Warum“ und „Arschgesicht“ – letzteres gesungen von Alf Ators zehnjährigem Sohn Tim Tom – zählen zu den Besten, die die Band je veröffentlicht hat.

„Weil diese grandiose Melodie, so voller Schmerz, Sehnsucht und Poesie sich gern auf große Worte legt, damit das Lied dein Herz bewegt“ („Warum“)

Auf die Texte zu achten lohnt sich, wenn zum Beispiel das großartige und pathetische „Warum“, das am Anfang so existenzielle Fragen stellt, sich bei genauem Hinhören am Ende auch nur als Quatschlied entpuppt. Mit Chaka Khans „Ain’t Nobody“, Scooters „Harder Faster Scooter“ und dem Fanta-Vier-Song „Geboren“ sind drei Coverversionen auf der CD, die man gut und gerne als genial bezeichnen darf. Heben sie sich doch von dem, was man gewöhnlich als Coverversion zu hören bekommt, meilenweit ab.

„Ich hab’n Wellensittich, der, wenn Besuch kommt ‚Besuch kommt‘ sagt“ („Du nich“)

Fäkalhumor – Lieder über „Scheiße“ und „Ficken“ – das ist es, was die meisten mit Knorkator in Verbindung bringen. „Viele kennen den Namen Knorkator. Aber nur die wenigsten verbinden ihn mit guter Musik“, sagt Alf Ator. Eine Folge des Grand-Prix-Auftritts. „Wenn wir Anfragen für TV-Shows bekommen, dann geht es da immer um ‚Scheiße‘. Zum Thema Musik wurden wir nie eingeladen. Deshalb haben wir relativ schnell damit aufgehört in solche Shows zu gehen. Und damit erlosch dann auch das Medieninteresse.“ Dennoch steht der Musiker zu Liedern wie „Ich will nur ficken“ oder „Mich verfolgt meine eigene Scheiße“. „Wenn ich so etwas schreibe, dann, weil ich tief in meinem Herzen der Meinung bin, das mal so zu formulieren.“

„Ich bin in einer finsteren Sekte, die in mir die Erkenntnis weckte, dass unsere kurze Daseinsfrist mehr Spaß macht, wenn man böse ist“ („Böse“)

Hinter einem Knokator-Text stehe immer die Idee, einen Gedanken in die Welt zu tragen, von dem man der Meinung ist, dass er noch nicht gut genug formuliert wurde. „Wenn man so einen Gedanken mit einen Slogan verbinden kann, den man gut mitgrölen kann und dann noch eine passende Melodie da ist, ergibt das eine Art Kernschmelze aus der ein Song entsteht“, formuliert Ator den Entstehungsprozess. Weil es früher eben viele Ideen über Fäkalhumor gab und es der Band Spaß machte darüber zu singen, entstanden eben solche Titel.

„Daniela steht auf Jonas, doch Jonas liebt Vanessa. Vanessa wär gern mit Lars zusammen, doch der findet Melanie besser“ („Alter Mann“)

Doch irgendwann sei es damit auch wieder gut, so Alf Ator. Den Beweis lieferte schon die CD „Das nächste Album aller Zeiten“ von 2007. „Ich bin das Eigentum, von meinem Eigentum, bin allem hörig, was mir gehört. Ich bin besessen, von dem was ich besitze und werd gefressen von dem was mich ernährt“, reimte der Knorkator-Chef da gesellschaftskritisch im Song „Eigentum“, ohne dabei ganz auf ein Augenzwinkern zu verzichten. Lustig zu sein sei schließlich das „Grundinteresse“ der Band. „Man könnte in dieser Zeit sicher auch Lieder gegen Atomkraft oder gegen Banken oder so machen, aber die Themen hängen mir zum Hals raus und deswegen passiert das nicht. Es hört sich zwar immer Scheiße an wenn man sagt, wir machen ehrlich Musik. Aber irgendwie ist das schon der Punkt“, so Alf Ator.

„Ich hasse Beethoven, und man kann sagen, er selber musste das ja nicht ertragen“ („Ich hasse Musik“)

Dass Knorkator vieles anders sehen, spiegelt sich auch auf den bizarren Tanzveranstaltungen, wie die Band ihre Konzerte nennt, wieder. Voller Energie performt die Truppe da ihre Songs und ist für so manche Überraschung gut. Waghalsige Stagedivings, Huckepackpogo oder einfach nur Softball-Tennis auf der Bühne – langweilig sind die Gigs nie. „Man sollte zu Knorkator gehen, weil Knorkator die letzte wirkliche Bastion von inhaltsreicher Musik in diesem Land ist“, sagt Bandgründer Alf Ator. Dargeboten von virtuosen Instrumentalisten wie Gitarrist Buzz Dee und einem Sänger, auf den das Wort Entertainer nur unzureichend zutrifft. Denn Stumpen, so sein Name, halbseitig tätowiert und mit einem Faible für ausgefallene Kostüme, begeistert nicht nur mit seiner Falsettstimme und akrobatischen Tanzeinlagen, sondern auch mit schlagfertigen Ansagen. „Deine Worte sind arm an Konsonanten“, konterte er beim Konzert in Frankfurt am Main den Zwischenruf eines Fans.

„Mit dem Herz für Gefühl ist es nicht ganz – wie bei uns, denn dafür steht dort der Schwanz“ („Schwanzlich willkommen“)

Zugegeben, für zartbesaitete mögen die Auftritte der Berliner geschmacklos wirken. Wer in der ersten Reihe mit dem Handy Fotos macht, muss damit rechnen, dass Stumpen ihm das Gerät abnimmt und es erst nach einem Umweg durch seine Unterhose zurückgibt. Für wahre Fans eine Art Ritterschlag. Für den neutralen Beobachter sicher genauso befremdlich wie vieles andere im Knorkator-Universum. Immerhin, Möbel werden schon lange nicht mehr auf der Bühne zertrümmert. Auch die so genannte Flugverköstigung, bei der Toastbrotscheiben oder geschreddertes Gemüse ins Publikum fliegen, gab es lange nicht mehr. „Aber wenn man sich für Musik interessiert“, so Alf Ator, „und Lust hat auf etwas zu stehen, was auch noch in hundert Jahren Bestand hat, wenn nicht sogar tiefgreifenden Einfluss auf alles was sonst so passiert, dann sollte man jetzt eine der letzten Möglichkeiten nutzen. Wer weiß, wie lange wir noch auf der Bühne stehen können.“ Knorkator sind – so viel sollte inzwischen klar sein – nicht Deutschlands meiste, sondern Deutschlands am meisten unterschätzte Band.

Das Album „Es werde Nicht“ wurde am 16.09.2011 veröffentlicht.

Dieser Artikel ist zuerst 2011 bei t-online.de erschienen.

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Autor: Lars Schmidt

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