Wayne Hussey: „Ich bin jedes Mal furchtbar nervös, ehe ich auf die Bühne gehe“

Nach 20 Jahren und tausenden von Konzerten haben The Mission immer noch reichlich Spaß auf Tour – so viel, dass sich Wayne Hussey nach heftig durchfeierter Nacht beim Interviewtermin am Nachmittag noch schlaftrunken die Augen rieb. Vor dem Konzert in Hanau erzählte er Nord bei Nordost vom Erfolgsrezept einer guten Liveband und von Exzessen auf und hinter der Bühne.

Nord bei Nordost:
„Wie ist die Tour bis jetzt gelaufen?“

Wayne Hussey:
„Wir sind jetzt etwa fünf Wochen unterwegs und wir halten immer noch durch. Das Konzert letzte Nacht in Bochum war sehr gut, wie immer dort. Anschließend haben wir ein bisschen gefeiert, ist spät geworden.“

Nord bei Nordost:
„Macht es dir noch Spaß, auf Tour zu gehen?“

Wayne Hussey:
„Ja, insgesamt schon. Inzwischen ist das so was wie ein Job für mich.“

Nord bei Nordost: „Wenn Du auf 20 Jahre The Mission zurückschaust – kannst du dir vorstellen, noch 20 Jahre weiterzumachen?“

Wayne Hussey:
(lacht) „Nein, kann ich nicht! Aber wer hätte gedacht, dass die Band überhaupt so lange hält? Wenn man sich aber die Stones anschaut – die sind inzwischen im Rentenalter und machen immer noch weiter. Also wer weiß? Die Band ist so etwas wie mein Beruf. Zwar habe ich die ganze Zeit geglaubt, irgendwann kommt mal was anderes um die Ecke, aber 20 Jahre später bin ich immer noch mit The Mission beschäftigt.“

Nord bei Nordost: „Inwiefern beeinflussen deine Soloprojekte die Arbeit mit der Band?“

Wayne Hussey:
„Kaum. Meine Soloauftritte sind ganz anders als die Mission-Konzerte, viel spontaner und intimer. Ich spiele Songs, die ich nie mit der Band auf die Bühne bringe. Solo bin ich mit der akustischen Gitarre unterwegs, und das inspiriert mich zu neuen Stücken, die sich auch nur akustisch umsetzen lassen.“

Nord bei Nordost:
„Gibt das dir die Freiheit, Dinge auszuprobieren, die mit der Band nicht möglich sind?“

Wayne Hussey: „Ich habe immer wieder bis zu einem gewissen Grad versucht, die Ausrichtung von The Mission zu steuern oder zu erweitern. Aber ausschlaggebend ist, wie viel davon das Publikum akzeptiert. Eine Sache habe ich gelernt: Bei allem, was wir als The Mission machen, müssen wir erst mal gewisse Erwartungen erfüllen.“

Nord bei Nordost: „Ist es frustrierend, wenn das Publikum immer nur die alten Hits hören will? Und hast du es nach all den Jahren nicht satt, immer wieder ‚Wasteland‘ und ‚Deliverance‘ zu spielen?“

Wayne Hussey: „So war das schon immer. Als wir begannen „Tower of Strength“ live zu spielen, forderten sie „spielt Wasteland!“ John Paul Jones von Led Zeppelin hat mir mal erzählt, wie sie„Stairway to Heaven“ vorstellten – diesen gigantischen Song – und ausgebuht wurden, weil die Leute „Whole Lotta Love“ hören wollten. Ein Song muss lange genug bekannt sein, um in den Kanon aufgenommen zu werden und sich zu einem Klassiker zu entwickeln. Auf dieser Tour spielen wir den ein oder anderen neuen Song, und ich sage manchmal „kann sein, dass er euch jetzt nicht gefällt, aber in ein paar Jahren werdet ihr danach brüllen!“ John Paul Jones hat mir einen guten Rat gegeben: Du musst die Show mit ein paar Songs beginnen, die die Fans hören wollen. Danach kannst du machen was du willst. Aber wenn du gleich am Anfang zwei neue Stücke spielst, verlierst du das Publikum. Ein Konzert ist ein Geben und Nehmen zwischen Band und Publikum. Wir zehren von der Resonanz der Fans. Aber du hast gefragt, ob es mich langweilt, immer wieder bestimmte Songs zu spielen – ja, es langweilt mich wirklich, und deshalb lassen wir einige manchmal aus oder texten sie um. Von „Tower of Strength“ haben wir auf dieser Tour bisher immer die neue Version gespielt, weil die alte langweilig wurde. Manchmal muss man die Songs einfach eine Weile liegen lassen, um sie neu zu entdecken. Für die Tour können wir aus einem Repertoire von 34 Stücken schöpfen und variieren bei jedem Auftritt das Programm. Aber es gibt sechs Klassiker, die immer dabei sind.“

Nord bei Nordost: „Es gibt ja auch Bands, die während einer Tour immer dieselben Songs spielen.“

Wayne Hussey: „Das ist nicht nur langweilig für die Fans, sondern auch für die Musiker. Unsere früheren Bandmitglieder Ian und Scott waren auch mit The Cult auf Tour, und die haben jeden Abend dieselben zwölf Songs gespielt – fünf Jahre lang! Das war für mich unvorstellbar, aber sie meinten „egal, wie besoffen wir waren, wir wussten immer, was wir spielen.“ Es gibt eben Bands, denen es Sicherheit gibt, wenn sie ein bestimmtes Programm abspulen, und andere mögen die Spannung, wenn jedes Konzert anders ist. Gestern in Bochum, zum Beispiel, das war ein wirklich heißes Konzert. Wir spielten „Amelia“ als Zugabe, und danach war ich richtig fertig und brauchte eine Pause. Also schickte ich den Schlagzeuger und den Bassisten von der Bühne und spielte nur mit Mark, unserem Gitarristen, „Bird of Passage“. Wir hatten das nie geprobt und haben’s einfach riskiert! Wir hätten auch eine totale Bauchlandung hinlegen können – aber es war richtig gut.“

Nord bei Nordost: „Gibt es den typischen Mission-Song? Und wie klingt er?“

Wayne Hussey: „Schwierige Frage, denn wir haben so viele verschiedene Sachen gemacht. Aber ich glaube in „Tower of Strength“ steckt am meisten von allem. Es ist bombastisch, hat einen gefühlvollen Text, einen gewaltigen Refrain, eine Menge Rock-Attitüde, Melodramatik…“

Nord bei Nordost: „Hast du eigentlich all die Konzerte von The Mission gezählt? Wie viele waren es bisher?“

Wayne Hussey: „Oh, keine Ahnung. Es müssten Tausende gewesen sein.“

Nord bei Nordost: „Stimmt es eigentlich, dass das deutsche Publikum im Vergleich zu Fans in anderen Ländern eher zurückhaltend und tanzfaul ist?“

Wayne Hussey:
„Es kommt drauf an, wo man spielt. In Berlin hatten wir ein großartiges Publikum, das gut mitgegangen ist – erstaunlich, weil es in Berlin früher eher ruhig zuging. Die Shows in Bochum sind immer super, jedes Mal ein Höhepunkt der Tour. Dagegen war Glauchau wie eine Totenwache. Zwischen den Songs hätte man eine Nadel fallen hören können. Aber gegen Ende sind die Leute doch noch richtig lebhaft geworden. Das Publikum ist von Land zu Land unterschiedlich, selbst von Stadt zu Stadt. Es gibt Orte, an denen richtig Trubel ist, sich die Leute sich gegenseitig herumwerfen, Türme bilden, und so. Und woanders stehen sie nur still herum.“

Nord bei Nordost: „Und reagierst du auf der Bühne, wenn das Publikum da unten wie angewurzelt herumsteht?“

Wayne Hussey: „Wenn ich so was merke, neige ich dazu, einfach die Augen zu schließen und mich hinter meiner Brille zu verstecken. Ich bin vor jedem Auftritt sehr aufgeregt. Eigentlich bin ich ein ziemlich schüchterner Mensch. Auf der Bühne ist es fantastisch, wenn die Chemie zwischen Band und Publikum stimmt, das heizt mich an. Aber wenn das nicht so ist, werde ich unsicher. Aber immerhin sind all diese Leute ja gekommen, um uns zu sehen und kennen wenigstens einige der Songs. Es könnte schlimmer sein, wir könnten die Vorgruppe sein…“

Nord bei Nordost: „
Wie im Herbst 2001 auf der Tour mit HIM.“

Wayne Hussey: „Die Tour mit HIM war gut für uns. Natürlich war es komisch auf die Bühne zu kommen und in den ersten Reihen nur Teeny-Girls zu sehen, die sich überhaupt nicht für uns interessierten. Aber die Tour hat uns bei einer jüngeren Generation bekannt gemacht. Manche kommen seitdem auch zu uns. Und vielleicht werden sie eines Tages erkennen: The Mission ist besser als HIM! Ich mag Ville sehr gerne, aber ich bin kein großer Fan seiner Musik.“

Nord bei Nordost: „Was war bis jetzt das komischste oder verrückteste Erlebnis während der laufenden Tour?“

Wayne Hussey: „Da gibt es die eine oder andere sehr private Anekdote über Band- und Crew-Mitglieder… Zum Beispiel gestern nach der Show im Matrix in Bochum – im Untergeschoss gibt es solche Käfige für Go-Go-Tänzerinnen, und einer meiner Roadies hat da drin einen Striptease hingelegt. Das war ziemlich komisch. Es gab noch ein paar mehr solcher Ereignisse, die ich aber hier nicht erzählen kann.“

Nord bei Nordost: „… weil sie besser nicht an die Öffentlichkeit dringen?“

Wayne Hussey: „Nicht nur das. Damit sie nicht bis nach Hause vordringen! Aber ich habe ja meine Frau mit dabei, was für uns beide ganz gut so ist. Deshalb bin ich heutzutage eher Voyeur als Akteur.“

Nord bei Nordost:
„Du trinkst eine Menge Wein auf der Bühne. Was ist deine Lieblingssorte?“

Wayne Hussey: „Ich habe keine Vorlieben. Ich trinke, was man mir gibt. Weintrinken ist für nur Mittel zum Zweck, denn ich bin jedes Mal furchtbar nervös ehe ich auf die Bühne gehe. Manchmal ist mir kotzübel vor Aufregung. Wenn ich vor dem Auftritt eine halbe Flasche Wein trinke, beruhigt das meine Nerven.“

Nord bei Nordost:
„Die neue Mission-Single „Breathe me in” erreichte Platz Eins der deutschen Alternative Charts. Was bedeutet dir solche Platzierungen?“

Wayne Hussey: „Das ist super. Wir waren schon mehrmals Nummer eins in den deutschen Alternativ-Charts, und es freut uns jedes Mal. Es ist immer wieder eine Bestätigung für uns. Die neue Single ist in kleiner Auflage und mit eher niedrigen Erwartungen erschienen, also war der Erfolg eine schöne Überraschung.“

Nord bei Nordost: „Die Single ist auf nur 3.000 Exemplare limitiert. Warum?“

Wayne Hussey: „Breathe me in“ ist als Single erschienen, weil ich den Titel für einen Film geschrieben habe, außerdem wollten wir damit ein bisschen Werbung für die DVD machen. Es ist gut, wenn man eine Single hat, die im Radio laufen kann, denn eine Liveaufnahme würden die Sender nicht spielen. Wir rechneten nicht mit damit, dass „Breathe me in“ ein großer Erfolg wird, es ist ein zwar guter Mission-Song, aber kein typischer Hit.“

Nord bei Nordost: „Was hast du beim Sichten des Materials für die DVD „Lighting the Candles“ empfunden, als du die alten Videos und Konzerte gesehen hast?“

Wayne Hussey: „Stolz. Wir haben eine Menge erreicht, viel mehr als wir je erwartet hätten. Es kamen nostalgische Gefühle auf, aber keine Melancholie. Da gab es eine Menge, das ich zwar nicht vergessen hatte, aber lange nicht daran gedacht hatte. Für das Biografie-Kapitel habe ich kistenweise alte Fotos durchforstet.“

Nord bei Nordost: „Wayne Hussey in den Achtzigern: lange Haare, Make Up, wallende Gewänder. Du sahst manchmal fast so aus wie Boy George. Ist dir das heute peinlich?“

Wayne Hussey: „Peinlich? Nein. Es war einfach eine andere Zeit. Das ist heute eher witzig, in den Achtzigern sah doch jeder ein bisschen schräg aus. Und wenn du heute zu einem Mission-Konzert gehst, egal wo auf der Welt, triffst du immer noch Leute, die ziemlich schrill gekleidet sind. Man ist eben jung und will mit seinem Outfit ein Statement abgeben. Aber komisch, dass du Boy George sagst – es gab auch noch andere Vergleiche, wie Fields of the Nephilim. Ich glaube, dass ich irgendwo zwischen beiden angesiedelt war, ein bisschen Pop und ein bisschen Gothic und Hippie.“

Nord bei Nordost: „Die DVD hat den Fans wirklich viel zu bieten – es gibt nicht nur Konzertmitschnitte, sondern auch Interviews, viele Fotos, viele Informationen.“

Wayne Hussey: „Deshalb haben wir sie ja auch gemacht. Und gestern hat uns ein Mitarbeiter der Plattenfirma gesagt, dass „Lighting the Candles“ für einen Preis der Deutschen Schallplattenkritik in der Kategorie „DVD des Jahres“ nominiert wurde. Darauf bin ich wirklich stolz, weil ich so viel Arbeit reingesteckt habe. Und wir gehen mit den ganz Großen ins Rennen. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass wir gegen Britney Spears und die Rolling Stones gewinnen, trotzdem ist das fantastisch!“

Nord bei Nordost: „Die Fans warten sehnsüchtig auf ein neues Album. Wie lange müssen sie noch warten?“

Wayne Hussey: „Hey, wir haben ein Jahr lang an der DVD gearbeitet, jetzt sind wir seit zwei Monaten auf Tour – und ihr fragt nach einem neuen Album! Gönnt mir erst mal eine Pause! Nun, wenn diese Tour vorbei ist, werde ich mich einem neuen Album widmen, egal wie lange es dauert. Ich werde mich auf keinen Fall auf einen Veröffentlichungstermin festlegen lassen, das habe ich auch der Plattenfirma gesagt. Für die DVD hatten wir eine Deadline und ich habe richtig hart dafür gearbeitet, und das war nicht besonders gesund. Außerdem hatten wir die Tour im Nacken, die wir nicht verschieben konnten. Ich hetzte durch die Gegend, um das ganze Material rechtzeitig zusammenzubekommen. Das DVD-Projekt hat mir großen Spaß gemacht, aber der Stress in den letzten Wochen hat mir die Sache fast vermiest. Und ich will nicht, dass es mir mit dem nächsten Album genauso geht.“

Nord bei Nordost: „Stell dir mal vor, du wärst kein Musiker geworden. Was würdest du heute gerne sein?“

Wayne Hussey: „Der einzige Beruf, der mich als Kind ernsthaft interessierte war Fußballspieler. Das erschreckende ist: Wäre ich Fußballer geworden, wäre meine Karriere jetzt zu Ende. Dann wäre ich jetzt vielleicht ein Spieler in Rente oder der Manager eines Fußballclubs. Liebend gerne würde ich schreiben können, Schriftsteller sein. Aber dazu fehlt mir der Intellekt. Und ich weiß, dass ich nie die Disziplin aufbringen könnte. Aber das ist eine Begabung, die ich bei anderen sehr bewundere.“

Nord bei Nordost: „Aber wenn du Songs schreibst, erfordert das doch auch Kreativität und Disziplin.“

Wayne Hussey: „Ja, aber das ist was anderes. Für viele Leute hat Songwriting etwas Magisches, aber für mich ist das Routine, einfach harte Arbeit.“

Nord bei Nordost: „Welche CD hast du dir zuletzt gekauft?“

Wayne Hussey: „Die von Sigur Ros. Heute morgen habe ich sie zum ersten Mal reingehört – im Tourbus haben wir CD- und DVD-Player, das ist klasse. Die anderen sehen sich Pornos an, aber ich habe ja meine Frau mit und brauche keine Pornografie – jedenfalls habe ich heute Sigur Ros gehört. Wunderschöne Musik. Ich habe auch die letzten beiden Platten. Sie klingen wirklich isländisch – wenn man die Musik hört, stellt man sich diese Landschaft vor. Ich mag auch Björk sehr gerne, ich habe gerade ihre Biografie gelesen.“

Nord bei Nordost: „Vielen Dank für das Interview.“

 

Wayne Hussey (Foto: C. Cocina)

Autor: Tanja Zech und Lars Schmidt

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