Phillip Boa (Ole Bredenfoerder · Constrictor )

PHILLIP BOA: „Eine Menge Energie und ein bisschen Wut“

Positiv, etwas zerrissen, aber dennoch gelöst und befreit war seine Gemütsverfassung bei der Entstehung des neuen Albums „Decadence und Isolation“, erzählt Phillip Boa im Interview mit Nord bei Nordost. Das Ergebnis sind wundervolle Songs mit großartigen Melodien. Was viele freuen wird: Boas alte Weggefährtin Pia Lund singt wieder mit, auch wenn das im Studio so manchen Streit zwischen den beiden provozierte.

Nord bei Nordost: „Promotion für ein Album zu machen, ist ja bekanntlich nicht dein Ding. Worüber wollen wir uns unterhalten?“

Phillip Boa: „Das ist schon okay. Für die Presse und neuerdings für Websites Interviews zu geben, ist ein Ritual, das mich seit zwanzig Jahren begleitet. Und das ist cool. Man trifft viele Leute und bekommt ein Feedback. Was mich ankotzt ist die Frage nach der Bedeutung des Albumtitels „Decadence und Isolation“. Alles andere ist okay.“

Nord bei Nordost: „Wenn viele Kritiker und Fans zum neuen Album sagen, dass ist endlich wieder der gute, alte Boa. Was erwiderst du?“

Phillip Boa: „Interessiert mich nicht. Für mich war ich immer der gute Boa. Auch als ich meine Depressionen, Unsicherheiten und Krisen hatte. Denn die habe ich in jener Zeit authentisch auf Platte gepresst. Wer das nicht mag, muss sich das ja nicht anhören. Die neue Platte spiegelt meine Gemütsverfassung der letzten sechs, sieben Monate wieder. Und die war sehr positiv. Wobei, was heißt positiv. Sie war wie immer etwas zerrissen, aber doch gelöst und befreit. Ich hatte eine Menge Energie und auch ein bisschen Wut.“

Nord bei Nordost: „Das heißt, deine depressive Phase ist vorbei?“

Phillip Boa: „Tja… Wer weiß.“

Nord bei Nordost: „Eigentlich sind deine Platten aus jener Phase viel typischer für dich. Sie sind genau so unberechenbar wie du…“

Phillip Boa: „Das kannst du gerne so sehen. Ich denke über solche Sachen nicht nach. Ich liebe es, Songs vorzubereiten und dann ins Studio zu gehen, um sie dort zu vollenden. Das ist mein Leben. Das kann ich und das Ergebnis spiegelt immer das wieder, was ich in der Zeit fühle oder beobachte.“

Nord bei Nordost: „Für viele Fans wird es wichtig sein, dass Pia wieder fest zum Voodooclub gehört. Welches Verhältnis habt ihr heute?“

Phillip Boa: „Ein sehr gespaltenes. Was uns verbindet, ist die Musik. Als Menschen haben wir uns sehr auseinander gelebt. Der Hass hat die Liebe überrundet. Trotzdem gibt es zwischen uns eine Freundschaft.“

Nord bei Nordost: „Wie ist eure Zusammenarbeit im Studio? Fliegen die Fetzen?“

Phillip Boa: „Das ist die Hölle. Für den Toningenieur ist das eine Zumutung. Es kommt immer wieder der Punkt, wo er sagt: ‚Ich kann nicht mehr.’ Dann geht er erstmal in die Küche und erholt sich. Streitgrund sind meistens meine Texte, die Pia ändern will um ihre Melodien durchzusetzen. Aber wenn mir einer an meine Text will, dann sehe ich Rot.“

Nord bei Nordost: „Ist das dennoch ein produktiver Prozess?“

Phillip Boa: „Ja. Früher habe ich mich ja mit allen Musikern gestritten. Heute nur noch mit Pia. Die Aufnahmen mit unseren Live-Musikern waren dagegen total harmonisch. Mit denen streite ich erst wieder bei den Proben zur Tour.“

Nord bei Nordost: „Was macht einen typischen Phillip-Boa-Song, abgesehen vom charakteristischen Wechselgesang Boa/Pia, aus?“

Phillip Boa: „Das kann ich nicht sagen. Vielleicht das Nein sagen. Es gibt ja alles schon. Es gibt elektronischen Musik und alle möglichen Spielarten von Rock und Pop. Durch das Beschneiden und Nein sagen dessen, definiert sich, glaube ich, meine Musik. Ich weiß am Anfang schon immer, wie es am Ende klingen soll.“

Nord bei Nordost: „Du warst im Winter 2005 auf Jubiläumstour, ‚20 Years Of Indie Cult’. Was spürst du auf der Bühne, nach den vielen Jahren im Geschäft?“

Phillip Boa: „Zunächst vor jedem Gig Nervosität. Und dann merke ich, was das Publikum denkt oder fühlt. Man bekommt vom Publikum Reaktionen geschenkt. Oder auch nicht. Wie kürzlich erst.“

Nord bei Nordost: „Wo war das?“

Phillip Boa: „Da haben wir vor Adam Green gespielt und das Publikum hat sich nicht bewegt. Die hängen nur an seinen Texten. Das ist ja auch okay, aber ich bin mit der Situation überhaupt nicht zu Recht gekommen. Das Publikum war auch sehr jung, sehr viele Mädchen. Es hat eben nicht funktioniert. Ich habe nichts zurückbekommen.“

Nord bei Nordost: „Fühlt man sich da nicht wie im falschen Film?“

Phillip Boa: „Ja. Deplatziert. Ich krieg da leicht Paranoia und denke an Prostitution, weil ich etwas mache, was die Leute nicht hören wollen. Die Gedanken waren aber falsch. Denn bei Adam Green war es genauso. Das wusste ich aber vorher nicht. Ein gutes Konzert ist für mich allerdings das Gegenteil…“

Nord bei Nordost: „Ein Nehmen und Geben zwischen Musikern und Gästen?“

Phillip Boa: „Genau. Das kann dann wunderschön sein. Wenn ich weiß, die Leute gehen nach dem Konzert glücklich nach Hause, dann habe ich schon viel erreicht. Und das macht mich wiederum glücklich.“

Nord bei Nordost: „Bei deinem letzten Konzert in Darmstadt gab es einen Zwischenrufer, der dich immer wieder mit den Wort ‚Altersheim’ geärgert hat…“

Phillip Boa: „Das war bitter. Der hat mir richtig wehgetan. Das war ein alter Fan, der meinte, früher war alles besser. Und ich akzeptiere das auch, wenn er das einmal sagt. Er hat das aber immer wieder gerufen. Ich möchte da auch nicht mehr dran denken oder drüber reden, denn das war wirklich schrecklich.“

Nord bei Nordost: „Früher konntest du aber auch ganz gut austeilen. Bist du ruhiger geworden?“

Phillip Boa: „Als junger Mensch hat man dieses Brausen im Kopf und deshalb wird einem vieles verziehen. Aber jemand wie ich, der schon so viel gesehen hat, der sollte sich rationaler verhalten. Es passiert seltener, dass ich mal durchdrehe. Auf Tour kommt das noch vor, aber nur Backstage.“

Nord bei Nordost: „Du hast eine Zeit lang sehr im Blickpunkt der Medien gestanden. Das ist heute anders. Hat sich dein Verhältnis zu ihnen geändert?“

Phillip Boa: „Ich stehe nicht mehr so unter Erfolgsdruck. Ich habe mich damit arrangiert, mittelerfolgreich zu sein und habe viele Freiheiten. Und wenn mich ein Label feuert, finde ich ein anderes. Das ist ein cooles Dasein. Das habe ich jetzt verstanden.“

Nord bei Nordost: „Kaum ein anderer Künstler in Deutschlands ist mit dem Begriff ‚Independent’ so belegt worden wie du. Wie definierst du diesen Begriff heute für dich?“

Phillip Boa: „Jetzt heißt die Schublade ja Alternative. Für mich bedeutet Independent, ein unabhängiger Geist zu sein. Sich von den Vermarktungsmechanismen, den Plattenfirmen und den Medien nicht vereinnahmen zu lassen. Das zu tun, was mir als sturer Westfale in den Sinn kommt. Meinen Weg zu gehen und mir von Niemandem etwas erzählen zu lassen und mich nicht manipulieren zu lassen, das ist Independent.“

Nord bei Nordost: „Wann und wo fühlt sich Phillip Boa am wohlsten?“

Phillip Boa: „Ich fühle mich unwohl, wenn ich auf die Veröffentlichung der Platte warten muss. Die Wochen danach, die Tour und die Zeit nach der Tour, wenn man beginnt neue Songs zu schreiben, dass ist eine sehr schöne Zeit. Ich glaube, dass geht allen meinen Musikerkollegen so.“

Nord bei Nordost: „Vielen Dank für das Gespräch.“

Mehr Phillip Boa auf Nord bei Nordost

Foto: Ole Bredenfoerder · Constrictor

Autor: Lars Schmidt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.