INTERPOL – Antics

4. November 2004Musik, Rezensionen, ,

Mit ihrem genialen Debütalbum Turn on the Bright Lights (2002) hatten Interpol die Messlatte für alle folgenden Werke extrem hoch gelegt. Wie die Reinkarnation des 1980er Dark Wave war die aus dem New Yorker Untergrund aufgetaucht: vier introvertierte Musiker in schwarzen Anzügen, mit kantigem Gitarrensound und einer melancholisch-düsteren Grundstimmung. Nicht nur die Dark-Wave-Generation horchte auf – das klang so wunderbar vertraut und trotzdem frisch und authentisch. Sogar der britische Independent-Papst John Peel war verzückt. Entsprechend groß war der Erfolgs- und Zeitdruck, unter dem der Nachfolger Antics produziert wurde. Und der ist gut geworden, doch Turn on the Bright Lights war noch viel besser. Antics enthält zehn präzise arrangierte Stücke, deren ganze Raffinesse und dunkle Schönheit sich aber erst nach mehrmaligem Hören erschließt. Denn Antics knallt nicht sofort ins Ohr wie Turn on the Bright Lights. Beim ersten Durchgang klingen die Songs allzu gleichförmig. Man vermisst das ungezügelte Temperament des Debütalbums, auf dem sich Paul Banks markante Stimme und die Musik von melancholischer Ruhe bis zu Zornesausbrüchen aufschaukelten. Antics ist insgesamt melodischer, die Stimmung gelassener, fast schon nachdenklich. Wie der Soundtrack zu einem düsteren Film. Es geht um Beziehungen und das Leben, um Angst und Hoffnung. Gleich zum Auftakt schlagen Interpol unerwartet sakrale Töne an: Mit einem Keyboard, das nach Kirchenorgel klingt, und mit einlullendem Tambourin-Klirren. Und zum Ausklang verbreitet sich gepflegte Langeweile. Aber dazwischen sollte man genau hinhören, es lohnt sich. Zum Beispiel bei Evil, wo ein Uptempo-Punk-Bass wie ein Floh ins Ohr hüft und ein scharfkantiges Gitarrenriff Gehörgang kratzt. Und bei Narc, das mit harten Gitarren beginnt, die dann von zärtlichem Gesang eingeholt werden und sich zu einem hypnotischen Refrain verbinden. Wenn Turn on the Bright Lights ein tosender Ozean mit aufragenden Felsen und schnellen Strudeln war, dann ist Antics ein gleichmäßig wogendes Meer – auf dem man sich gerne dahintreiben lässt, bis man tief darin versunken ist. Das ist spätestens bei Slow Hands und Not Even Jail geschehen, dann da entfaltet der charakteristische Interpol-Sound mit langen, schweren Harmonien, Paul Banks eindringlicher Stimme (und er klingt doch wie Ian Curtis!), Gitarren-Stakkato und

Label: Labels/Mute
VÖ: 27.09.2004

Autor: Tanja Zech

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