NICK CAVE – Abattoir Blues / The Lyre of Orpheus

Nick Cave & The Bad Seeds haben sich ein Jahr nach Nocturama mit einem bombastischen Opus zurückgemeldet. Der Meister und seine Band überraschen in ihrem 20. Jahr mit einem gewaltigen Kreativitätsausbruch, denn sie haben nicht nur ein neues Album produziert, sondern gleich zwei auf einen Schlag.
Abattoir Blues und The Lyre of Orpheus sind zwei in sich geschlossene Werke, die mit pastellfarbenen Hüllen in einem leinengebunden Schuber mit Kirschblütenmotiv vereint sind. Das freundliche Erscheinungsbild passt einerseits zur musikalischen Entwicklung, die immer weiter weg vom pathetischen Düsterrock früherer Jahre zu einem breiten Musikspektrum hinführt – derzeit kreist der Sound um Gospel und Blues. Dennoch verbirgt sich unter den Blümchen auch die Cave-typische dunkle, bedeutungsschwere Lyrik mit religiöser Symbolik, Ironie, morbidem Humor, makaberen Bildern und wilder Naturromantik.
Es scheint, als hätten Nick Cave & The Bad Seeds den Ausstieg des Gründungsmitglieds und Gitarren-Genies Blixa Bargeld mit neuen Soundspielereien und Arbeitseifer kompensieren wollen. So vielseitig, so kantig und so aufwändig produziert war kein Album zuvor. Nick Cave singt den Blues (Abattoir Blues) und todtraurige Balladen (O Children, Easy Money), murmelt Country-Songs (Babe, you turn me on), trällert wunderschöne Popsongs (Nature Boy, Supernaturally), und er jubelt und tobt mit der Inbrunst eines Gospel-Predigers (Get ready for Love, Hiding all Away, Carry Me). Stimmgewaltige Unterstützung lieferte ein Londoner Gospel-Chor, der eigens ins Studio bestellt wurde.
The Lyre of Orpheus ist das ruhigere der beiden Alben. Herausragend ist der Titelsong – Caves satirische Version des Orpheus-Mythos – der sich rumpelnd und kreischend wie eine schwere Blues-Lokomitive in Bewegung setzt. Warren Ellis spielt darauf eine irische Bazouki, die einen eigentümlich leiernden Klang erzeugt. Das zweite Album, Abattoir Blues, beginnt mit einem wild gewordenen Gospel-Chor und ist insgesamt sperriger und impulsiver.

Label: Mute
VÖ: 20.09.2004

Autor: Tanja Zech

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