SCHANDMAUL: Von einer Band, die wie Pech und Schwefel zusammenhält und Fans mit schlechtem Gewissen hat

Der Name ist Programm: Ob schelmisch, witzig oder ernst – Schandmaul unterhalten ihr Publikum wie es einst die Narren im Mittelalter taten. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, erzählen sie in ihren Liedern Geschichten über Drachentöter, Prinzessinnen und Räuber. Und angesteckt von so viel Narrenfreiheit, gibt es auf den Konzerten der sechs Münchener kein Halten mehr. Es wird bis zur Ekstase getanzt und gesungen. Vor dem Schandmaul-Konzert in Frankfurt 2004 traf sich Nord bei Nordost mit Sänger Thomas und Geigerin Anna zum Interview und plauderten über das Tourleben, Textprobleme, Bühnenoutfits, illegale Downloads und Autogrammstunden in Drogerie-Märkten.

Nord bei Nordost: „Wie läuft die Tour bisher?“

Thomas: „Phänomenal. In München war die Hütte ausverkauft, 1500 Leute. Auch in der Schweiz, wo wir noch nie gespielt haben, war die Stimmung großartig. Und wenn man die Vorverkaufszahlen der restlichen Konzerte sieht: Es sind fast alle ausverkauft.“

Nord bei Nordost: Dabei ist euer neues Album „Wie Pech und Schwefel“ gerade erst erschienen. Vertrauen euch die Fans blind?“

Thomas: „Das war ein langer Prozess. Wir haben uns diesen Erfolg live erspielt. Am Anfang waren 150 Leute auf den Konzerten, dann waren es 400, jetzt sind es manchmal über 1000. Die Reaktionen auf unser neues Album können wir im Forum auf unserer Website sehr gut sehen. Die reichen von totaler Begeisterung bis hin zu verhaltenen Reaktionen.“

Nord bei Nordost: „Wie sieht das Tourleben bei Schandmaul aus?“

Thomas: „Ganz entspannt. Alles ist harmonisch und lustig. Wir haben zwischendurch immer wieder Autogrammstunden, zu denen viele Fans kommen. Wenn es die Zeit zulässt, gehen wir uns die Städte angucken oder einkaufen. Manchmal will man aber auch einfach nur im Club oder im Bus bleiben. Dann hockt man sich in eine stille Ecke und liest ein Buch. Das ist alles stimmungsabhängig. An unserem freien Tag haben wir zum Beispiel eine Grillparty vor dem Nightliner gefeiert. Langweilig wird uns jedenfalls nicht.“

Nord bei Nordost: „Spricht der Titel des Albums „Wie Pech und Schwefel“ sowie das Bild mit den sich festhaltenden Armen vom Gefüge in eurer Band?“

Thomas: „Ja. Als es darum ging, einen Titel für das Album zu finden, war dieser der einfachste, weil er die letzten eineinhalb Jahre am besten beschreibt. Band und Crew halten zusammen. Und über das Coverbild mussten wir auch nicht lange nachdenken. Diesen Griff machen wir vor jeder Show, dazu gibt’s noch ’nen Kurzen und dann geht’s auf die Bühne.“

Nord bei Nordost: „Heißt das, ihr seid auch über die Bühne hinaus befreundet?“

Thomas: „In der Phase der Albumproduktion sind wir immer wieder alle zusammen oder in kleineren Grüppchen ausgegangen, haben zusammen gefeiert. Dieser Zusammenhalt ist in den letzten sechs Jahren gewachsen und so sind richtige Freundschaften entstanden. Ich muss aber auch sagen, dass dadurch, dass wir so oft auf Tour sind, andere Freundschaften leiden. Man hat also gar keine anderen Freunde mehr. Man ist sich ausgeliefert…“

Nord bei Nordost: „Es gab aber dennoch eine Veränderung in eurem Line-Up. Gründungsmitglied und Bassist Hubsi ist nicht mehr dabei. Warum ist er ausgestiegen?“

Thomas: „Es gab zwischen der Band und Hubsi ein paar Reibungspunkte, die solange aneinander gerieben haben, bis es nicht mehr ging. Und deswegen haben wir beschlossen, uns voneinander zu trennen. Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Der neue Bassist Matthias passt dafür zu uns wie der berühmte Arsch auf’n Eimer.“

Nord bei Nordost: „Ganz wichtig bei Schandmaul sind die Texte. Sie sind deutsch, sehr poetisch und märchenhaft und erzählen kurze Geschichten, meistens aus der Vergangenheit. Woher schöpft ihr die Ideen und besteht die Gefahr sich zu wiederholen?“

Thomas: „Vor Wiederholungen habe ich keine Angst. Ist ein Album fertig, ist man zwar erstmal leer. Dann habe ich auch Angst, ob mir überhaupt noch etwas einfallen wird. Nach ein paar Wochen ist das aber vorbei. Dann ist irgendetwas passiert, man hat ein Buch gelesen, einen Film gesehen oder etwas erlebt, worum man eine Geschichte strickt. Die Inspirationen kommen von überall her. Ich warte einfach bis die Muse mich küsst. Und das kann in der Badewanne oder auf’m Klo genauso wie im Auto oder auf Tour passieren.“

Nord bei Nordost: „Hast du eine Lieblingslektüre, die dich ganz besonders inspiriert?“

Thomas: „Ich lese am liebsten Fantasy- und Science-Fiction-Geschichten. Aber die Texte kommen ja nicht nur von mir. Und andere Bandmitglieder lesen eben lieber historische Romane.“

Anna: „Es sind aber auch äußere Einflüsse wie die Natur, alte Bauten, Städte oder fremde Länder.“

Nord bei Nordost: „Ist es schwierig, die Geschichten mit den Melodien zu vereinen?“

Thomas: „Man hat zwar sein Versmaß, aber wenn die Musik dazukommt, muss man oft Kompromisse mit der Gesangsmelodie eingehen. Wenn man zu viele Worte hat, wird es schnell unverständlich. Dann muss man überlegen wie man die Aussage kürzer hinbekommt. Das ist schon mit Nacharbeit verbunden.“

Nord bei Nordost: „Hast du bei der Textfülle auf der Bühne schon mal einen totalen Aussetzer gehabt?“

Thomas: „Klar. Ständig. Man ist so konzentriert, singt, spielt Gitarre, achtet aufs Publikum und dann geschieht etwas Unerwartetes. Ein Mikroständer kippt um, in der Monitorbox knackt es – plötzlich ist man abgelenkt und schon ist der Text kurzzeitig weg. Aber mittlerweile ist das Publikum so textsicher, da muss ich denen nur zuhören und dann weiß ich wieder, wo ich war.“

Nord bei Nordost: „Die Songs „Seemannsgrab“ und „Geisterschiff“ sind maritime Märchen. Welchen Bezug haben Münchener Landratten zum Meer?“

Thomas: „Ich komme ursprünglich aus Bremen. Damit hat das aber nichts zu tun. Ich bin ganz einfach ein nordischer Typ der lieber an der Nordsee als am Mittelmeer ist. Und das Meer fasziniert mich mehr als Berge. Ich stapfe lieber durch Strandsand als durchs Gebirge. Schon als Kind haben mich Geschichten über das Meer, zum Beispiel Horatio Hornblauer „Auf hoher See“, fasziniert. Daher kommt das.“

Nord bei Nordost: „Auf eurer Website war mal zu lesen, dass ihr vom Grufti-Ausstatter X-tra Undergroundfashion begeistert seid und euren Fans den Tipp gabt, da mal nach Klamotten zu stöbern. Dabei seid ihr keine typische Szeneband. Oder etwa doch?“

Anna: „Die Sachen eignen sich wunderbar als Bühnenklamotten. Es gibt dort viel mit mittelalterlichem Touch. Von daher ist der Laden ideal für uns. Das hat aber nichts mit einer Szenezugehörigkeit zu tun.“

Nord bei Nordost: „Wie wichtig ist für euch das Bühnen-Outfit?“

Thomas: „Wir erzählen Geschichten, wir stellen etwas dar. Dafür verkleiden wir uns zwar nicht direkt, aber optisch müssen unsere Klamotten schon zur Musik passen. Nur im Kettenhemd würde ich nicht auf die Bühne gehen. Da wäre ich ja nach zwei Songs schon total k.o.“

Anna: „Auf dem Konzert spielt die Optik eine große Rolle. Und wenn eine Frau einen langen Rock anhat, der über die Bühne weht, dann sieht das einfach schön aus.“

Nord bei Nordost: „Stichwort Szene: Hat sich euer Publikum in den letzten Jahren verändert?“

Anna: „Nein. Erst letztens ist uns aufgefallen, dass wieder vermehrt ganze Familien mit Kindern zu unseren Konzerten kommen. Daneben steht dann der Metaller, der Folkie, der Gruftie, der Normalo – alle sind vertreten.“

Nord bei Nordost: „Wie steht ihr illegalen Downloads und schwarz gebrannten CDs gegenüber? Macht euch diese Problematik zu schaffen?“

Anna: „Ein bisschen bekommen auch wir die Auswirkungen dieser Machenschaften zu spüren. Aber alles hat Vor- und Nachteile. Wenn sich Leute Songs downloaden, um sich ein Bild zu verschaffen und dann das ganze Album kaufen, finde ich es okay. Wenn man sich jedoch die kompletten Alben von den Beatles bis Metallica runterlädt, finde ich das mies. Damit macht man wirklich alles kaputt.“

Thomas: „Damit geht vor allem der Respekt vor der Kunst verloren. Wir haben zum Glück ein Publikum, das in erster Linie zu den Konzerten und Festivals kommt. Die haben dadurch eine ganz andere Einstellung. Und deshalb sind wir von dieser Problematik nicht so stark betroffen wie irgendeine Castingband. Bei denen ist die Wertigkeit der Musik aufs schnelle Geld angelegt. Unsere Fans haben sogar ein schlechtes Gewissen, wenn sie was von uns downloaden. Als einer deiner Kollegen von der schreibenden Zunft unser Promo-Album ins Netz gestellt hatte, haben es sich einige Fans runtergezogen. Im Forum unserer Website entschuldigten sie sich dann, sie hätten das nur getan, um die Texte schon vor der Tour auswendig zu lernen, um sie dann mitsingen zu können. Und nach Veröffentlichung werden sie die Platte selbstverständlich kaufen. Das ist doch total lieb!“

Nord bei Nordost: „Wo seht ihr euch in Zukunft?“

Anna: „Da haben wir noch keinen Plan. Man entwickelt sich doch ganz automatisch weiter. Alles andere ergibt sich.“

Nord bei Nordost: „Tragt ihr denn keine Ideen mit euch rum, die ihr irgendwann einmal verwirklichen wollt?“

Anna: „Doch natürlich. Ich möchte mal mit einem Orchester mit vielen Streichern arbeiten.“

Thomas: „Jetzt, wo gerade unsere neue Platte raus ist, sind wir aber zu leer, um uns solche Gedanken zu machen.“

Nord bei Nordost: „Eure Autogrammstunden während dieser Tour finden in Müller-Geschäften statt. Das sind doch Drogerien. Wie kommt ihr da ins Spiel?“

Thomas: „Die haben aber auch eine große CD-Abteilung. Und wir verkaufen über die ganz, ganz viele CDs. Das ist für uns ein wichtiger Absatzmarkt, speziell im süddeutschen Raum. Und wir sitzen da auch nicht zwischen Parfümflaschen, sondern zwischen CD-Regalen.“

Nord bei Nordost: „Und eure Fans können sich nebenbei noch mit Make Up oder Styling-Produkten fürs Konzert eindecken. Ich bedanke mich für das Interview!“

Schandmaul (Foto: FAME Records)

Autor: Lars Schmidt

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