ESTAMPIE: „Musik ist keine Ware!“

Ungewohnte Situation: Vor dem Interviewtermin mit Michael Popp von Estampie ist deren neue CD „Signum“ noch nicht fertig. Dennoch tourt die Mittelaltertruppe bereits mit den neuen Songs durch die Lande. Anfang Mai 2004 kommt das Werk in die Läden.

Nord bei Nordost traf Michael vor dem Konzert am 28. Februar 2004 in Dreieich (zwischen Frankfurt und Darmstadt). Ein interessantes Gespräch über die Zeichen der Apokalypse, eine Basstuba und das harte Musikgeschäft begann.

Nord bei Nordost: „Da ich eure neueste CD vor diesem Interviewtermin noch nicht hören konnte, möchte ich dich einfach bitten, etwas darüber zu erzählen.“

Michael Popp: „Die neue CD heißt „Signum“. Der Titel steht im Zusammenhang mit dem Johannes Evangelium, in dem es darum geht, dass vor der Apokalypse verschiedene Zeichen, wie Erdebeben, Brände und andere Katastrophen, kommen. Viele unserer Liedtexte auf „Signum“ haben mit der Apokalypse, der Endzeit, zu tun. Aber nicht nur im Sinne des Weltenlaufes, sondern auch im persönlichen. Zum Beispiel ist ein Text von Walther von der Vogelweide dabei, der am Ende seines Lebens auf das Gewesene zurückblickt. Vergänglichkeit und Endzeit sind die Themen dieser CD. Und die apokalyptischen Zeichen wurden somit zum Symbol für die Platte.

Nord bei Nordost: „Klingt nach einem düsteren Werk…“

Michael: „Die Kerntexte sind apokalyptischer Art. Da gibt es die Weissagungen der Sibylle. Sibylle ist eine Figur aus der spätrömischen Epoche, die innerhalb der Apokalyptiker, einer Gruppierung des Christentums, eine große Rolle gespielt hat. Ihre Texte wurden immer wieder übersetzt und weitergegeben. Im Prinzip waren das die Grufties des Mittelalters. Aber düster würde ich unsere neuen Songs nicht nennen. Eher ruhig und getragen. Es gibt keine tiefen Bässe oder elektronische Elemente mit dunklen Klangfarben. Wir sind uns aber treu geblieben, indem wir nie nur eine Stimmung erzeugen. Denn der Anspruch Estampies war immer, alle Facetten aufzuzeigen.“

Nord bei Nordost: „Bei unserem letzten Interview hast du als musikalischen Schwerpunkt für das neue Jahrtausend ein „Marco Polo Projekt“ angekündigt. Was hat es damit auf sich und warum erscheint jetzt mit „Signum“ etwas anderes?

Michael: „Diese CD wurde noch so eingeschoben. Wir haben die ganze Zeit auch an „Marco Polo“ gearbeitet. Dabei geht es um eine musikalische Reise entlang der Seidenstraße. Das Projekt ist eigentlich fertig. Obwohl es so ein Work-In-Progress-Projekt ist. Und bis es so richtig ins Rollen kam, haben wir eben noch etwas anderes gemacht.“

Nord bei Nordost: „Daneben hast du mit Syrah ja auch noch an Qntal, eurem anderen Bandprojekt, gearbeitet. Über Langeweile kannst du dich wohl nicht beklagen?“

Michael: „Nein, das nicht. Aber wir sind sehr gut organisiert. Wir teilen uns die Arbeit auf, deshalb kollidieren die verschiedenen Projekte nie. Und das führt natürlich dazu, dass man viel produzieren kann. Mich wundert das selber oft, denn es kommt mir gar nicht so vor, als würde ich sonderlich viel arbeiten. Im Gegenteil, ich denke oft, ich bin ganz schön faul.“

Nord bei Nordost: „Ihr arbeitet ja auch noch am Theater. Was ist denn euer Hauptstandbein?“

Michael: „Die Theaterarbeit ist zurzeit unsere Hauptbeschäftigung. Aber unser Hauptstandbein? Finanziell sind wir alles andere als auf Rosen gebettet. Estampie ist ein sehr aufwändiges Geschäft. Selbst wenn es gut läuft, decken wir gerade mal unsere Unkosten. Künstlerisch gesehen, ist aber auf jeden Fall Estampie der Kern unserer Arbeit.“

Nord bei Nordost: „Estampie haben bereits weite Bereiche des Mittelalters musikalisch abgearbeitet. Gibt es irgendein Feld der mittelalterlichen Kultur, das ihr noch nicht beackert habt?“

Michael: „Ja. Deshalb diese „Marco-Polo“-Geschichte. Das soll eine Trilogie werden, die sowohl den Weg in den Osten dokumentiert, als auch spanisch-arabische Einflüsse aufnimmt. Es wird um Troubadour-Kulturen gehen. Meine Idee ist es, Troubadoure aus verschiedensten Kulturkreisen zusammenführen. Das wird bestimmt ein paar Jahre dauern. Und zwischendurch wird es immer wieder eine CD mit der Kernarbeit von Estampie geben, so wie jetzt „Signum“.“

Nord bei Nordost: „Du spielst sehr viele verschiedene Instrumente. Wie viele sind es genau?“

Michael: „Das kann ich gar nicht mehr zählen. Wenn man erst mal eine Basis hat, dann kann man sehr viele verschiedene Instrumente spielen. Die Übergänge sind oft fließend. Dabei muss man gar nicht auf jedem Instrument ein Virtuose sein. Die Kunst ist nämlich, den Klang auf seine musikalischen Bedürfnisse zuschneiden zu können.“

Nord bei Nordost: „Hast du ein Lieblingsinstrument?“

Michael: „Das wechselt.“

Nord bei Nordost: „Zur Zeit?“

Michael: „Also meine geheime Liebe, und das hat jetzt gar nichts mit Mittelaltermusik zu tun, ist die Basstuba. Ich wollt mir schon immer eine Basstuba kaufen und in einem Bierzelt auf dem Oktoberfest spielen. Aber das ist sehr, sehr schwierig. Da kommt man ohne Seilschaften nicht rein. Ich will natürlich nicht in die Volksmusik wechseln, aber ausprobieren möchte ich das schon.“

Nord bei Nordost: „Du spielst doch hauptsächlich Saiteninstrumente…“

Michael: „Aber eigentlich bin ich Bläser von Beruf. Das habe ich studiert. Nur bei Estampie sind dieses Instrumente nicht so häufig, daher mache ich das kaum noch.“

Nord bei Nordost: „Du hast für Estampie ein eigenes Label gegründet. Warum?“

Michael: „Unsere bisherigen Estampie-CDs sind bei Warner erschienen. Warner wurde verkauft und die für uns zuständige Abteilung aufgelöst. Somit standen wir ohne Label da. Doro (Promoterin und Chefin des Qntal-Labels Stars In The Dark, Anm. d. Red.) meinte dann, wir sollen selbst ein Label gründen. In der momentanen Situation war uns das aber nicht geheuer. Wir haben uns aber an die frühen Achtziger erinnert, als viele Punk- oder New-Wave-Bands gegen den Trend eigene Firmen gründeten und Erfolg hatten. Und heute ist die Situation ja ähnlich. Also haben wir beschlossen diesen Schritt zu wagen, um auch etwas gegen den Trend zu tun. Nämlich qualitativ hochwertige Musik zu veröffentlichen, ohne Millionen damit verdienen zu wollen. Musik sollte sowieso nicht als Massenware verstanden werden. Das Produkt CD muss wieder einen Wert für die Leute haben. Genau wie ein gutes Buch. Der Markt müsste sich da unbedingt gesundschrumpfen. Ich als Musiker würde das sehr begrüßen. Außerdem fließen die Erfahrungen von Musikern viel zu wenig in die Labelarbeit ein. Der Musiker ist zum Gehaltsempfänger einer Industrie verkommen. Dabei sind wir es doch, die mit unserer Kreativität für den Erfolg sorgen.“

Nord bei Nordost: „Hätte die CD den Stellenwert wie ein gutes Buch, würde sich bestimmt auch das illegale Brennen und Downloaden von Musik in Grenzen halten. Außerdem verdienen zu viele Leute mit an einer CD. Das treibt die Preise hoch, obwohl für den Musiker nicht mehr herausspringt…“

Michael: „Genau. Die Strukturen in den großen Plattenfirmen sind so was von verworren. In den fünf Jahren, die wir mit Estampie bei Warner waren, wechselten mehrmals die für uns zuständigen Abteilungen. Neue Personen, neue Büros, neue Briefköpfe. Deshalb bin ich wirklich über jede Krise der Musikindustrie dankbar. Denn sie ist selbstverschuldet, aus Geldgier und einer völlig falschen Philosophie entstanden, die Musik zur reinen Ware degradiert hat. Aber Musik ist keine Ware! Musik hat immer was mit Kultur und geistigen Werten zu tun. Und das muss wieder in den Vordergrund gestellt werden! Momentan steht man mit dieser Meinung auf verlorenem Posten. Aber je größer die Krise der Musikindustrie wird, desto mehr gewinnt diese Meinung an Boden.“

Nord bei Nordost: „Castus von Corvus Corax hat mir in einem Interview erzählt, dass er eure Musik sehr schön findet. Aber er sagte auch, dass Corvus Corax im Mittelalter das gemeine Volk unterhalten hätte, während ihr zu Hofe gespielt hättet. Was sagst du zu dieser Aussage?“

Michael: „Das würde ich ganz ähnlich sehen. So ist das ja auch heute, wenn ich das mal so sagen darf. Corvus Corax kommen aus dieser Marktszene in der das volkstümliche Mittelalter gelebt wird. Und wir kommen aus einer anderen Ecke, in der es viel um höfische Musik geht. Wenn ich vorhin gesagt habe, Estampie wollen alle Facetten des Mittelalters abdecken, dann wäre es ja auch eine Überlegung, dass das mehrere Bands zusammen tun. Das fände ich sehr interessant. Die Frage ist nur: Überfordert man damit das Publikum?“

Nord bei Nordost: „Also ich würde so eine Kooperation der verschiedensten Mittelalterbands, zum Beispiel auf einem Festival, absolut genial finden. Beim größten Mittelalterspektakel Europas, dem Kaltenberger Ritterturnier, sind Corvus Corax Stammgäste. Warum haltet ihr euch von solchen Veranstaltungen fern?

Michael: „Lustigerweise gibt es bei den Veranstaltern zwei Fraktionen. Der Prinz Luitpold sagt, das sind Ritterspiele und da gehören Spielleute hin, während seine Gattin gern auch klassische Konzerte hätte. Da waren wir schon im Kontakt mit ihr, aber bisher ist noch nichts draus geworden.“

Nord bei Nordost: „Wann kann man mit neuen Tönen von Qntal rechnen?“

Michael: „Da war ich schon wieder fleißig und habe einige Sachen ausprobiert und vorbereitet. Ich denke, Anfang 2005 wird es da was Neues geben.“

Nord bei Nordost: „Vielen Dank für das Gespräch.“

 

Estampie (Foto: Jörg Brockstedt )

Autor: Lars Schmidt

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