JOACHIM WITT: Auf der Suche nach dem Sinn

„Pop“ – ein Titel so schlicht und doch bedeutungsvoll. Und wenn Joachim Witt sein Album so nennt, dann schwingt da auch ein bisschen Provokation mit. Nord bei Nordost sprach mit dem Poeten, Musiker und Naturliebhaber, der während des Interviews immer wieder aus dem Fenster seines Bauernhofes in die Dämmerung sah. Hinüber über den See, auf dessen anderem Ufer sich die Krähen zum Schlafen in den Bäumen sammelten. „Dieses Ritual finde ich so faszinierend, das muss ich einfach immer wieder beobachten“, schwärmte der Sänger.

Nord bei Nordost : „Nach den wortgewaltigen und bedeutungsvollen Albumtiteln „Bayreuth I und II“ sowie „Eisenherz“, heißt deine neue Platte schlicht „Pop“. Ist das auch so schlicht gemeint? Oder steckt da die ganze Doppeldeutigkeit des Wortes Pop drin?“

Joachim Witt: „Pop ist ein sehr bedeutungsschwangerer Begriff. Pop ist das, was den Menschen auf einer breiten Ebene gefällt. Und da das schon das ein oder andere Mal bei mir der Fall war, bin ich der Meinung, populäre Musik zu machen. Deshalb habe ich diesen Begriff gewählt. Auf der anderen Seite verbindet man meine Musik aber nicht mit dem Pop-Mainstream. Was auch wieder stimmt. Daran sieht man, was alles unter diesen Begriff fällt. Ein bisschen provokant ist der Titel natürlich auch. Das ist so beabsichtigt.“

Nord bei Nordost : „‘Pop‘ ist ja nicht mehr so düster und hart wie seine Vorgänger. Hat auch das etwas mit dem Titel zu tun?“

Joachim Witt: „Das liegt an der Art der Songs. Mich haben diesmal andere Facetten gereizt, gerade was den Gesang angeht. Ich habe mich da mehr gefordert. Und das ist die eigentliche Veränderung zu den Alben davor. Außerdem sind die Songs eine homogene, harmonische Einheit. Es gibt keine Brüche.“

Nord bei Nordost : „Plant man diese Homogenität oder entsteht die im Laufe der Aufnahmen?“

Joachim Witt: „Ich plane das nicht. Ich komponiere – meistens an der Gitarre – und dabei werden die Harmonieabläufe festgelegt. Dann finde ich über diese Harmonien eine Melodie die mir gefällt. Dieses Grundgerüst nehme ich sofort auf, damit ich es nicht vergesse. Wenn ich genügend Song-Gerüste beisammenhabe, beginne ich zu arrangieren. Und ganz am Schluss kommt dann der Text.“

Nord bei Nordost : „Du hast mal gesagt, dass Texten für dich am schwierigsten, lästigsten und anstrengendsten ist. Warum?“

Joachim Witt: „Mir macht das Arrangieren am meisten Spaß. Da geht es um Klangwelten. Und die haben mich schon immer mehr fasziniert als das Wort allein. Deshalb kommt das Texten in der Rangfolge nach dem Arrangement. Von der Wertigkeit steht der Text an derselben Stelle. Von der Lust kommt er nach der Musik. Diesmal fiel mir das Texten aber insgesamt leichter, weil es um sehr persönliche Themen und nicht um so dramatische Bilder wie bei „Eisenherz“ oder „Bayreuth“ ging.“

Nord bei Nordost : „Die Texte deiner letzten Alben waren ja auch heftigen Diskussionen ausgesetzt. Die absurdesten Vorwürfe reichten von rechten Ideologien bis hin zu Sexismus. Blockiert einen so was beim Verfassen neuer Inhalte?“

Joachim Witt: „Ich hatte das natürlich im Kopf, aber als eine Sache, die für mich abgehakt ist. „Bayreuth I und II“ haben ja ganz bewusst durch die Titel provoziert. Und das sollten sie auch! Denn ich wollte eine Diskussion um die künstlerische und kulturelle Identität anregen. Bayreuth war da nur ein Beispiel. Die kulturelle Identität hat im Nachkriegsdeutschland ja nicht gerade Tradition. Bis zum Naziwahnsinn hatte sie diese. Aber aufgrund der schlechten Erfahrungen während der Nazizeit hatte man plötzlich ungeheure Probleme damit. Selbst die deutsche Sprache in Liedern zu benutzen, war anstößig. Sogar in der NDW-Zeit gab es Anfeindungen aus dem Lager der intellektuellen Journalisten. Die meinten, die NDW fällt unter den Begriff der Deutschtümelei. So ein Irrsinn! Doch diese Angst, dieser Verfolgungswahn hält bis in die heutige Zeit an. Mir geht es aber darum, dass man ein natürliches Verhältnis zu seiner eigenen kulturellen Umgebung hat und das die regionalen Bezüge nicht verloren gehen.“

Nord bei Nordost : „Zwei Songs auf „Pop“ fallen etwas mehr auf: die Coverversion „Mein Freund der Baum“ und das Duett mit Jasmin Tabatabei „Erst wenn…“. Kannst du zu Beiden etwas erzählen?

Joachim Witt: „“Mein Freund der Baum“ ist ein Lied, bei dem ich immer Gänsehaut gekriegt habe. Es ist ein hervorragender Song. Ein Umweltsong der ersten Stunde. Diese beiden Dinge und die großartige Stimme der Künstlerin Alexandra (Sängerin des Originals, Anm. d. Red.) haben mich bewegt, das Lied zu covern. Ich hatte da keinerlei Berührungsängste. Es ist mir ohnehin völlig egal, aus welcher Richtung Musiktitel kommen. Wenn mich ein Song berührt und packt, dann achte ich nicht auf dessen Herkunft. Jasmin Tabatabei habe ich auf der Nena-Tour kennen gelernt, wo wir als Gäste dabei waren. Wir waren uns sehr sympathisch. Und das ist schon der Grund für das gemeinsame Lied.“

Nord bei Nordost : „Auf „Bayreuth II“ hast du „Bataillon D’Amour“ von Silly gecovert und angekündigt, das werde nicht die letzte Silly-Coverversion sein. Wann gibt es die Nächste?“

Joachim Witt: „Das kann ich noch gar nicht sagen, aber ich habe zwei Silly-Songs im Kopf, von denen ich garantiert noch einen covern werde.“

Nord bei Nordost : „Welche Songs sind das?“

Joachim Witt: „“Unter dem Eis“ und „Paradies“.“

Nord bei Nordost : „Du bist gebürtiger Hamburger, lebst aber nun in der ländlichen Idylle Schleswig-Holsteins. Warum zog es dich aufs Dorf?“

Joachim Witt: „Das war eine Entwicklung. Ich hatte das Bedürfnis, zurück zu den Wurzeln zu gehen, mehr ursprüngliche Dinge um mich zu haben. Und dieser Schritt war überfällig. Ich habe immer in der Stadt gelebt, obwohl ich seit meiner Kindheit von einem Leben auf dem Bauernhof geträumt habe. In der Tiefe meines Herzens bin ich ein sehr naturverbundener Mensch.“

Nord bei Nordost : „Du warst kürzlich mit einem Song auf dem Rio-Reiser-Tribut „Familienalbum“ vertreten. Warum war es dir wichtig, an diesem Projekt teilzunehmen?“

Joachim Witt: „Ich hätte es einfach schade gefunden, wenn ich nicht dabei gewesen wäre. Inhaltlich habe ich einen starken Bezug zu Rios Musik. Das war der ausschlaggebende Punkt. Rio war eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Musikszene. Er hatte ein starkes Profil. Und zu solchen Persönlichkeiten fühle ich mich hingezogen. Deshalb war es eine Freude daran mitzuwirken, obwohl ich wegen meines Titels „Wo sind wir jetzt“ furchtbar angefeindet wurde. Ich war völlig perplex. Dabei habe ich das Original nur in unsere Zeit transportiert. Vom Aufbau blieb der Titel ganz genauso. Nur die Gitarren waren etwas härter. So etwas kann ich nicht nachvollziehen. Da habe ich mich persönlich angegriffen gefühlt. Denn ich bin der Meinung, Rio wäre hellauf begeistert gewesen!“

Nord bei Nordost : „War der Song „Die Flut“, im Nachhinein gesehen, eher Segen oder Fluch für dich?“

Joachim Witt: „Segen. Ein absoluter Segen. Weil ich die Chance hatte, mit einer eigenen Idee zurückzukommen. Für mich war das die Möglichkeit, wieder gehört zu werden.“

Nord bei Nordost : „Hast du noch Kontakt zu Peter Heppner?

Joachim Witt: „Im Moment nicht, aber wir haben gerade das Angebot bekommen, an der RTL-Charts-Show teilzunehmen. Da geht es um die erfolgreichsten Duette der letzten Jahre. Das ist zwar noch nicht spruchreif, aber vielleicht kommen wir so wieder zusammen.“

Nord bei Nordost : „Wird es vielleicht ein zweites Duett geben?“

Joachim Witt: „Wir haben das nie in Erwägung gezogen. Der Song steht so für sich und vielleicht sollte man so ein herausragendes Ereignis einfach nicht wiederholen.“

Nord bei Nordost : „Seit dem Erfolg dieses Songs hast du in der Gothic-Szene eine neue Heimat gefunden. Was verbindet dich mit diesen Menschen?“

Joachim Witt: „Was mich mit Menschen generell verbindet, ist immer eine kritische Auseinandersetzung. Und das ist bei den Leuten dieser Szene gegeben. Da geht es an erster Stelle um Sinnfindung. Genau wie bei mir. Es ist so eine Art Seelenverwandtschaft. Aber ich bin kein Etikett dieser Szene.“

Nord bei Nordost : „Am 22. Februar wirst du 55 Jahre alt. Machst du dir da Gedanken über die Zukunft? Denkst du vielleicht sogar über den Ruhestand nach?“

Joachim Witt: „Ich habe mir immer Gedanken über das Alter gemacht. Auch als ich 25 war. Man hangelt sich ja von einer Station zur anderen. Mit 30 denkst du: „Oh Gott, jetzt bin ich halb tot“. Mit 40 noch mal dasselbe Theater. Beim 50. ist man dann schon ruhiger. Jetzt möchte ich meine Zeit nur noch damit verbringen, sinnvolle Dinge zu tun. Zum Glück weiß ich heute durch meine Erfahrungen der Vergangenheit genau, was ich nicht mehr machen möchte.“

Nord bei Nordost : „Und was ist das?“

Joachim Witt: „Keine experimentellen Partnerschaften mehr eingehen, in denen mir der andere nur noch auf den Sack geht. Zielgerichtetes Leben heißt für mich, den Sinn suchen im gerechten Umgang mit Menschen. Und alles was davon abweicht, ist für mich unwichtig.“

Nord bei Nordost : „Vielen Dank für das Interview.“

 

Joachim Witt (Foto: SPV)

Autor: Lars Schmidt

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