NORTHERN LITE: „Wir wollen gefunden werden“

Heimlich, still und leise hat sich das Erfurter Trio Northern Lite vom Geheim-Tipp zu einem der gefragtesten Live-Acts im Bereich der elektronischen Musik gemausert. Die Produzenten Sebastian Boon und Andreas Kubat, sowie der aus den USA stammende Gitarrist Larry Lowe haben mit ihrer ganz eigenen Interpretation von Rock und Electro einen explosiven tanzbaren Sound kreiert. Nach mehreren Maxi-Singles erschien im September 2003 die erste CD. „Treat Me Better“ enthält fünf Songs und war der Vorgeschmack auf das Debütalbum der Band, das im Februar 2004 erschien. Nord bei Nordost sprach mit Sänger Andreas Kubat.

Nord bei Nordost: „Auf der Party zum dreijährigen Jubiläum eures Labels in Erfurt habe ich euch live erlebt und muss sagen, es war der Hammer. Ihr habt gerockt, knapp 2000 Leute haben abgetanzt und abgefeiert. Sind das die Northern Lite typischen Dimensionen?“

Andreas: „Erfurt ist natürlich ein Heimspiel, da ist es immer noch einen Tick krasser als anderswo. Und das genießen wir natürlich. In den neuen Ländern ist das aber fast überall so. Da sind wir bekannt. Das haben wir uns nur durch‘s live spielen erarbeitet. Im Westen dauert’s noch etwas. Aber das wird schon…“

Nord bei Nordost: „Und wie sieht’s im Ausland mit eurer Popularität aus? Ihr habt immerhin schon in London, Amsterdam, Barcelona und Tokio gespielt.“

Andreas: „Eigenartiger Weise kannten die Leute uns da. In einem Plattenladen in Tokio gibt es Fächer mit Northern-Lite-Platten. Das hat mich selbst überrascht.“

Nord bei Nordost: „Wie kam es zu diesem Bekanntheitsgrad in Japan?“

Andreas: „Wir haben dort auf dem Wire-Festival gespielt. Das ist das größte Festival Asiens. Dadurch sind die auf uns aufmerksam geworden. Und das öffnete die Vertriebswege für unsere Platten.“

Nord bei Nordost: Und wie kam es zur Einladung auf das Festival?“

Andreas: „Die haben uns direkt angerufen. Das lag wahrscheinlich daran, dass wir zuvor in Deutschland im Line-Up vieler renommierter Events, wie der Love Parade, dem Nature One, Liberty One oder dem SonneMondSterne, waren. Und das kriegen auch die Japaner mit.“

Nord bei Nordost: „Northern Lite gibt’s seit 1997…“

Andreas: „…da hieß es aber noch nicht Northern Lite. Den Namen haben wir uns erst 2000 zur ersten Vinyl-Veröffentlichung gegeben. In der Phase davor war Stilfindung und Rumprobieren angesagt.“

Nord bei Nordost: „Wie habt ihr euch gefunden?“

Andreas: „Sebastian ist schon seit zehn Jahren Techno-DJ. Ich war vorher Hip-Hop-Produzent. Ein gemeinsamer Freund brachte uns zusammen, weil er die Idee hatte, dass aus unserer Mischung was werden müsste. Und es hat sofort funktioniert.“

Nord bei Nordost: „Nimmt man also das Jahr 2000 als offizielle Northern-Lite-Gründung, sind auch schon wieder drei Jahre vergangen, ohne dass ein Album erschienen ist. Dafür gibt es einige Vinyl-Veröffentlichungen (Maxis) und jetzt ganz aktuell die „Treat Me Better“ EP. Ein Album ist nun für 2004 angekündigt. Warum verfahrt ihr so?“

Andreas: „Die Vinyls sind eine Leidenschaft. Das ist unser Weg. Wir wollen die DJs für uns begeistern und dass unsere Songs in den Clubs laufen und nicht im kommerziellen Radio. Wir spielen gern in kleinen Clubs und weniger auf großen Konzerten. Das wollen wir uns bewahren, denn die Nähe zur Szene ist uns wichtig. Da sind Vinyls unumgänglich. Die Leute, die Musik am Puls der Zeit hören, hören die ja nicht im Radio, sondern in den Clubs. Wir sind mit dieser Einstellung zwar einen ungebräuchlichen Weg für die Dance-Szene gegangen, der wir ja irgendwie zugerechnet werden. Aber wir haben uns lieber Rock’n’Roll-mäßig hochgespielt.“

Nord bei Nordost: „Vielleicht bringt das Album ja den großen Durchbruch?“

Andreas: „Das Album soll ein Statement sein. Damit bekommen unsere Fans die Songs, die sie von den Konzerten kennen, auf einer CD. Für uns ist das ein Strich unter diese Schaffensperiode. Und danach geht’s weiter.“

Nord bei Nordost: „Du hast Northern Lite mit der Dance-Szene in Verbindung gebracht. Fühlt ihr euch überhaupt irgendeiner Szene zugehörig…“

Andreas: „Mit Szene meine ich immer all das, was sich unterhalb des schillernden Musikgeschäfts abspielt. Und da vermischt sich sowieso alles immer mehr. Auf unseren Label-Compilations „NeoPop“ sind Punk-, Rock-, Disco-, Electro- und Techno-Elemente. Auch die Leute sehen das nicht mehr so eng. In Dance-Clubs werden Sachen von Depeche Mode, Nirvana oder White Stripes gespielt.“

Nord bei Nordost: „Wie würdest du den Sound von Northern Lite beschreiben?“

Andreas: „Es ist Neo-Pop – auch wenn das die Sache nicht erklärt – ich weiß. Es ist tanzbare Club-Musik mit ganz weitläufigen Einflüssen von Rock über Punk. Allerdings mehr in Songstrukturen, denn als Track- oder DJ-Tool.“

Nord bei Nordost: „Anfangs waren eure Songs rein elektronisch. Inzwischen ist die Gitarre ein sehr prägnantes Stilmittel geworden. Wie kam es dazu?“

Andreas: „Ich hatte schon immer ein Faible für Gitarren. Als Bub habe ich mal Konzertgitarre gelernt. Nun bin ich zwar kein Gitarrenvirtuose geworden, habe mir aber immer mit diesem Instrument Melodien erarbeitet. Und als der Larry nach Erfurt kam und an uns geriet, konnte ich meine Ideen optimal umsetzen.“

Nord bei Nordost: „Hat Larry als Amerikaner ganz eigene Vorstellungen bei Northern Lite eingebracht?“

Andreas: Na klar! Er hat in den Staaten schon in mehreren Bands gespielt und seinen ganz eigenen Drive und Stil. Ich mag das sehr. Es ist etwas typisch amerikanisches und ich finde, das hört man auch.“

Nord bei Nordost: „Der Song „Away From You“ ist für mich so eine Nummer. Der hat fast Country-mäßige Züge. Klingt wie ein gelangweilter Johnny Cash im Schaukelstuhl.“

Andreas: „Das stimmt. Der Song spielt sich in so einer Stimmung ab. Wir lassen uns da ganz gern mal fallen und dann entwickelt sich ein Song eben so. Wenn man die Songs oft live spielt, immer vor anderen Leuten, immer in anderer Stimmung, dann improvisiert man auch gerne mal. Und so hat sich dieses Stück eben in genau diese Stimmung entwickelt.“

Nord bei Nordost: „Wie frei seid ihr bei Konzerten was die Improvisationsmöglichkeiten angeht? Wie sehr seid ihr von der Technik abhängig?“

Andreas: „Alle elektronischen Sounds sind vorproduziert. Die laufen einzeln über eine 16-Spur-Hard-Disc-Maschine. Sebastian baut dann daraus live die Songs auf und ab – wie es gerade passt. Dadurch sind wir ziemlich frei und können gut auf die Stimmung im Publikum eingehen. Gitarre und Gesang sind sowieso live und so kann man ganz gut improvisieren.“

Nord bei Nordost: „1st Decade ist euer Label. Und das im doppelten Sinn. Denn ihr habt es selbst gegründet, um eure Musik veröffentlichen zu können. Glaubst du, dass in Zeiten übermächtiger Major-Companies und Casting-Wahns dieser Weg für junge kreative Bands der beste ist, um ihre Platten herauszubringen?“

Andreas: „Wir haben auch, wie jede andere Band, unsere Demos an Plattenfirmen geschickt. Zurück bekamen wir diese Standart-Kettenbriefe – dass sie sich unser Demo besonders aufmerksam angehört haben, es aber trotzdem nichts wird – man kennt das ja. Weil wir aber an uns geglaubt haben, haben wir uns Geld geborgt und unser eigenes Label gegründet. Jetzt stellt sich heraus, dass das die beste Entscheidung der letzten Jahre war. Das Label hat mehrere Künstler unter Vertrag, 20 LPs und einige CDs veröffentlicht. Und Bands die gut sind und an sich glauben, sollten das genauso machen. Wenn man gute Sachen produziert und live präsent ist, wird man von alleine bekannt. Dazu braucht man keinen Major. Die wissen ja nicht mal, wo die Fans für Musik wie die unsere sitzen. Jedenfalls nicht dort, wo man sie mit Werbung bei Media Markt oder SAT 1 zu erreichen glaubt. Die Leute, die uns mögen, sitzen nicht um 15 Uhr vor der Glotze und gucken VIVA. Wir wollen eine Band sein, die gefunden wird!“

Nord bei Nordost: „Vielen Dank für das Interview.“

Northern Lite (Foto: 1st Decade)

Autor: Lars Schmidt

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