WOLFSHEIM: Erfüllte Träume

Zwischen zwei Alben von Wolfsheim vergeht immer viel Zeit. Fast könnte man meinen, Peter Heppner (Gesang) und Markus Reinhard (Keyboards) seien faul und untätig. Dabei ist Peter ein gefragter Gastsänger und ließ seine Stimme unter anderem bei Schiller, Goethes Erben und Umbra et Imago erklingen. Und Markus ist an dem Projekt Care Company beteiligt.

Doch nun gibt es die Single „Kein zurück“ und das neue Album „Casting Shadows“. Trotz vier Jahren Zwischenzeit wird das Hamburger Duo damit an die Erfolge der Vorgänger-CD „Spectators“ anknüpfen können. Nord bei Nordost sprach mit den beiden Musikern.

Nord bei Nordost: „Vier Jahre sind seit eurem letztem Album vergangen. Wieviel Zeit davon habt ihr mit der Arbeit an „Casting Shadows“ verbracht? Und wieviel mit anderen Dingen?“

Markus: „Wir haben wirklich vier Jahre am neuen Album gearbeitet. Denn auch wenn man Nebenprojekte betreibt oder Phasen der Erholung hat, ist man doch immer mit Wolfsheim beschäftigt. Wir haben gleich nach „Spectators“ mit der Arbeit an neuen Songs begonnen, mussten dann aber feststellen, dass alles zu sehr nach „Spectators“ klang. Das gefiel uns natürlich nicht. Das war langweilig und uninteressant. Und wenn wir das schon uninteressant finden, was sollen dann die Leute denken, wenn wir so was auf den Markt bringen. Daher kamen uns die Nebenprojekte ganz gelegen. Das war sozusagen Urlaub von Wolfsheim. Trotzdem ist aber immer eine Hälfte unserer Gedanken bei Wolfsheim.“

Nord bei Nordost: „Bezieht ihr aus euren Nebenprojekten Inspirationen für Wolfsheim?“

Peter: „Weniger. Wir machen Wolfsheim schon seit 16 Jahren. Und es gibt nicht viel in meinem Leben, dass ich schon solange mache. Deshalb ist man, was solche Inspirationen angeht, immer sehr befangen. Ich würde es eher Befreiung nennen. Projekte, wie das mit Schiller zum Beispiel, haben mich wieder befreiter an Wolfsheim-Songs arbeiten lassen.“

Markus: „Wir tragen viel eher etwas von Wolfsheim in diese Projekte hinein, als dass wir etwas mit herausnehmen.“

Nord bei Nordost: „Das Album und eine Tour waren ja schon für’s letzte Jahr geplant. Dann habt ihr alles verschoben. Gab’s da nicht auch Stimmen, die gesagt haben: „Jetzt werdet aber langsam mal fertig!“?“

Markus: „Natürlich gab’s die. Und eigentlich war der ursprüngliche Termin auch realistisch. Doch auf einmal sah die Sache ganz anders aus. Wir mussten uns auf die Songs neu einstellen. Hätten wir da das Album herausgebracht, wären wir ihm nicht gerecht geworden. Erst jetzt können wir sagen, dass wir die CD so veröffentlichen, wie sie es verdient.“

Peter: „Wenn die CD nicht fertig ist, muss der Veröffentlichungstermin verschoben werden. Ist doch gar keine Frage. Die CD ist wichtig, die Songs sind wichtig. Veröffentlichungstermine sind es nicht.“

Nord bei Nordost: „Was hat euch in den letzten vier Jahren beeinflusst, dass „Casting Shadows“ jetzt so klingt, wie es klingt?“

Peter: „Das kann ich gar nicht so genau sagen. Dafür haben wir ja die Produzenten. Es ist jedenfalls nicht so, dass gewisse Bands oder Musikstile mich beeinflusst haben.“

Markus: „Wir haben viel mehr Erfahrungen gesammelt. Wir sind klügerer und selbstsicherer geworden. Daraus resultiert natürlich auch, dass man gewisse Sachen, die man auf „Spectators“ gemacht hat, vermeiden will. Wenn man weiß, wie man etwas anders umsetzen kann, dann tut man das auch.“

Nord bei Nordost: „Warum habt ihr mit drei verschiedenen Produzenten zusammengearbeitet?“

Peter: „Das war gar nicht so geplant. Wir haben verschiedenen Produzenten Songs vorgespielt und aus Gesprächen mit ihnen hat sich dann ergeben, wer welches Stück produzieren wird. Die Zusammenarbeit mit allen Dreien war dann auch sehr eng. Wir konnten über jedes Detail entscheiden. Und diese Stimmigkeit hört man den Songs an.“

Nord bei Nordost: „Euer Video zu „Kein zurück“ hat wieder Detlev Buck gedreht. Nun haftet ihm als Schauspieler und Regisseur ja eher dieses Komödianten-Image an, während „Kein zurück“ ein sehr melancholisches Lied ist. Wie war die Arbeit mit ihm?

Peter: „Wunderbar! Wir wollten unbedingt wieder mit ihm arbeiten und das hat ja auch geklappt. Sein Video hat das Lied noch besser gemacht. Er selber fand das Lied auch sehr gut, hatte aber am Anfang überhaupt keine Idee, wie er es umsetzen sollte. Es hat dann auch ziemlich lange gedauert, bis eine Idee da war. Wir bekamen schon langsam kalte Füße, weil der Abgabetermin für den Clip immer näher rückte. Zwei Wochen davor war es dann endlich soweit. Aber das ist eben ein Zeichen dafür, dass Detlev sich nicht einfach was aus den Fingern gesogen hat.“

Nord bei Nordost: „Wie war der eigentliche Dreh?“

Peter: „Alle waren sehr engagiert. Detlev kann am Set Situationen erzeugen, die für uns ganz normal und natürlich sind. Wir brauchten uns kaum verstellen.“

Markus: „Detlev hat verschiedene Gesichter. Er kann Komödiant sein aber auch und gerade ernsthafte Themen mit dem richtigen Gefühl transportieren. Damit hat er dieses Vabanque-Spiel zwischen Melancholie und Hoffnung mit seinen Bildern unterstrichen, ohne einen Aspekt zu sehr hervorzuheben.“

Nord bei Nordost: „Ist das die norddeutsche Mentalität, durch die man auf derselben Wellenlinie schwimmt?“

Markus: „Ja, mit Sicherheit. Das merkt man einfach, wenn man miteinander redet. Zwei Süddeutsche verstehen sich untereinander auch besser, als ein Oberbayer und ein Flensburger.“

Nord bei Nordost: „“Kein zurück“ handelt von unerfüllten Träumen. Welche Träume haben Wolfsheim noch?“

Peter: „Dass uns nie die Ideen ausgehen und dass wir es immer schaffen, musikalisch einen Schritt nach vorn zu gehen.“

Markus: „“Kein zurück“ handelt aber auch von verwirklichten Träumen. Und – ich möchte ja nicht größenwahnsinnig klingen – das haben wir schon getan.“

Peter: „Klar. Wir sind ständig dabei, unsere Träume zu erfüllen. Wir können Videos mit Detlev Buck drehen. Das ist doch ein Traum. Wir können CDs produzieren, wir können davon leben, dass wir Musiker sind. Das ist doch ein Traum. Wir sind nach Prag gefahren, um dort von einem Orchester unser Lied einspielen zu lassen…“

Nord bei Nordost: „Ihr seid aber auch in einer glücklichen, ja privilegierten Situation. Seht ihr eure Songs als Motivation für Leute, die nicht in einer solchen Lage sind?“

Peter: „Ich hoffe, dass es so ist! Die letzte Strophe von „Kein zurück“ heißt doch: „Verwirkliche deine Träume jetzt und warte nicht, bis du zu alt dafür bist“. Das steht nicht umsonst am Ende. Es ist ein Aufruf.“

Nord bei Nordost: „Der Titel „Wundervoll“ sticht aus dem Album hervor. Sowohl musikalisch, als auch textlich. Ist dieser ironische Text eine Abrechnung oder Reflektion unserer Spaßgesellschaft?“

Peter: „Nee. Der Refrain ist ironisch, auf jeden Fall. Aber das ist eher Mittel zum Zweck. Denn die Strophen sind sehr ernst gemeint. Das hat aber gar keinen aktuellen Bezug. Der Text kommt aus der eigenen Erfahrung, die jeder in seiner Jugend gemacht hat. Das kann heute, vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren sein. Es geht darum, sich besinnungslos zu tanzen, zu saufen oder zu kiffen. Aber irgendwann fragt man sich: „Was mach ich hier eigentlich?“ Und weil die meisten Kids, auf die das zutrifft, heutzutage diese Dance-Mugge hören, klingt der Song eben ein bisschen nach Techno und Dance. Vor zehn Jahren oder zwanzig Jahren hätte der ganz anders geklungen.“

Nord bei Nordost: „Ist die Ironie ein neuer Aspekt in euren Texten?“

Peter: „Die hatten wir schon immer. Nur hat das noch nie jemand verstanden. Bestes Beispiel ist „Künstliche Welten“ vom „Spectators“-Album. Das Ding ist von vorne bis hinten ironisch.“

Nord bei Nordost: „Wahrscheinlich werdet ihr verkannt, weil euch das Image der Melancholiker anhaftet.“

Peter: „Ja, man denkt, wir grübeln den ganzen Tag vor uns hin. Also nee (lacht). Wolfsheim ist nur ein Teil von uns. Und auch da sind Ironie und Humor auf jedem Album vertreten.“

Nord bei Nordost: „Was bringt euch zum Lachen?“

Peter: „Alles was witzig ist.“

Markus: „Uns sind mal bei einem Konzert, so in der Mitte des Sets, zeitgleich alle Syntheziser abgestürzt. Die leierten nur noch…“

Peter: „Damals war das natürlich überhaupt nicht lustig…“

Markus: „Aber heute können wir darüber lachen. Zumal es davon Live-Aufnahmen gibt, die wir ab und an mal rauskramen. Das ist dann immer der totale Lacherfolg!“

Nord bei Nordost: „Ich bedanke mich für das Interview.“

März 2003

Wolfsheim (Foto: Strange Ways)

Autor: Lars Schmidt

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